Eine alte Kaninchenregel besagt: gibt es zwei Tage in Folge ein Leckerli aus Menschenhand angereicht, ist damit ein Ritual geschaffen, dass niemals wieder gebrochen werden darf. Und wer sind wir, die alte Kaninchenweisheiten in Frage stellen würden?

Was wegen einer akuten Behandlung begann, wurde also bei Herr und Frau Ostermann und ihren Söhnen Teil der festen Morgenroutine: nach dem Frühstück noch ein kleines Leinküchlein abholen und dann ab auf die Wiese. Nur Archie Ostermann sah das anders und blieb sitzen. Das menschliche Putzpersonal fing an den Stall zu fegen, Archie saß meist oben auf der Kaninchenbude und beobachtete das Treiben, wartend… Und ab da hieß es: durchhalten! Vorsichtig um Archie herum putzen, bloß keinen Augenkontakt herstellen, denn sein hellwacher, entschiedener Blick ließ wenig Verhandlungsspielraum.

Seine energisch tapsenden Vorderpfötchen und zarten Nasenstupser, seine frechen Blicke und seine Hartnäckigkeit werden ab nun fehlen, denn vor einigen Tagen hat Archie sein letztes Leinküchlein gegessen und kam schon nicht mehr, um für ein zweites oder drittes anzustehen.

Als Sohn von zwei Schecken war er, wie alle aus der Familie Ostermann, genetisch gesundheitlich vorbelastet, was dem „Vorbesitzer“ von Herrn und Frau Ostermann so ziemlich egal war, der die beiden bei seinem Auszug auf dem Grundstück zurück und sich selbst überließ.

Archie ist mit 6 anderen Geschwistern im Land der Tiere zur Welt gekommen und gehörte leider zu denen, die immer wieder mit genetisch bedingten Verdauungsproblemen zu kämpfen hatten. Seine Lebenserwartung hat er um Weiten getoppt, aber dieses Mal konnten wir leider nichts mehr für ihn tun, als ihn letztlich einschläfern zu lassen, weil sein Verdauungstrakt alle Funktionen komplett eingestellt hatte.

Als kleiner Eigenbrötler, der bei Wind und Wetter auf der großen Wiese meist allein sein Ding gemacht hat, war es umso schöner zu sehen, dass er sich am Tag seines Versterbens noch eine ganze Weile beim Bruder anlehnen konnte, der sich neben ihn gelegt hatte.

Archie hatte innerhalb der Familie Ostermann für uns alle eine sehr spezielle Rolle, denn er war der Grund, warum sich die Familie zahlenmäßig vor zwei Jahren mehr als verdoppelt hat. Er hatte uns hinsichtlich seines Geschlechts bzw. seiner Zeugungsfähigkeit alle etwas verar**t (daher sein Name, mit Augenzwinkern versteht sich).

Rein äußerlich war Archie „ganz eindeutig ein Mädchen“. War er aber nicht, sondern ein Junge mit anatomischen Besonderheiten, die sein wirkliches Geschlecht nicht verrieten und ihn aussehen ließen wie ein Mädchen: die Hoden innenliegend, sein Geschlechtsteil ein „Spaltpenis“.

Ein Jahr lang war er für uns ein Mädchen. Nach einem Jahr dann plötzlich nicht mehr – und zeugungsfähig. Für uns eine Riesenkatastrophe. Für Archie, seine Geschwister, seine Kinder und für Herr und Frau Ostermann, mit denen alles anfing, ganz einfach Familie. Familie, wo jetzt jemand fehlt.

Adieu, Archie Ostermann.

Schwein Pauline im Land der Tiere, einem Lebenshof für ehemalige "Nutztiere" in Mecklenburg-Vorpommern, idyllisch gelegen im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe zwischen Hamburg und Berlin

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