Liebevolle Erinnerungen

An dieser Stelle möchten wir unserer ehemaligen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner gedenken. Danke, dass wir euch ein Stück eures Weges begleiten durften. Wir werden die Erinnerung an euch immer in unseren Herzen tragen.

Puter Georg im Land der Tiere, einem Lebenshof für ehemalige "Nutztiere" in Mecklenburg-Vorpommern, idyllisch gelegen im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe zwischen Hamburg und Berlin

Abschied von Sputnik

Als Sputnik kurz vor Weihnachten 2018 zusammen mit seinen beiden Geschwistern Lotta und Kurti ins Land der Tiere einzog, war er vielleicht vier Monate alt. Bis dahin hatte er alles andere als ein schönes Leben, wurde sehr schlecht versorgt, lebte in Matsch und Kot. Angeschafft wurden Sputnik, Lotta und Kurti als Mastputen. Ihr Glück war, dass der Tod ihres Besitzers den Weg frei machte für ihr Leben.

Sputnik, Lotta und Kurti ging es sehr schlecht, als sie zu uns kamen, alle waren mangelernährt, hatten Wachstumsprobleme, Sputnik eine Beinfehlstellung und X-Beine, aber zum Glück hatte es ihn nicht so schlimm erwischt wie seinen Bruder, der von Anfang an nur ein funktionierendes Bein hatte. Zudem litten sie unter Durchfall aufgrund eines Befalls mit einzelligen Parasiten und Darmpilz. Wie glücklich sie waren, als sie ihr Krankenzimmer gegen ein Zimmer mit Garten und Auslauf tauschen konnten!

Sputnik hatte das enorme Glück, dass seine Beinfehlstellung sich im Laufe der folgenden Wochen „auswuchs“ und er ohne Beeinträchtigung durchs Grün laufen konnte. Lediglich zwei Zehen mit Fehlstellungen aufgrund von zuchtbedingten Sehnenproblemen behielt er zurück. Dass er als schwerer Bronceputer dreieinhalb Jahre leben, laufen und mit seinen Geschwistern zusammen sein können würde, hätten wir nicht zu hoffen gewagt. Nicht unbedingt wegen Sputniks Zustand, sondern weil es unmöglich schien, dass Kurti so lange lebt

Kurti, der „Einbeinige“, trotz großer Einschränkung gutgelaunte, zufriedene und draußen liegend zwitschernde Bruder, hat Sputnik überlebt. Sputnik, den selbstbewussten, kernigen Bruder. Seit einigen Monaten wurde das Sehnenproblem an Sputniks Füßen unübersehbar größer. Irreparabel, inoperabel. Sputnik „prollte“ trotzdem draußen herum. Bis es dann so weit war, dass das Laufen mühsamer wurde. Sputnik kam mit der Situation, nicht zu können, wie er doch wollte, gar nicht zurecht. Er war nie wie Kurti, der sich bei jeder Verschlechterung seines Laufvermögens wieder etwas Neues ausdachte, klarzukommen und beweglich zu bleiben.

Sputnik kapitulierte vor dem Zustand seines Körpers, der ihn nicht mehr frei sein ließ. Der Tag, an dem er nicht mehr aufstehen konnte, war der letzte seines Lebens. Ihn derart verzweifelt zu sehen, in einem Zustand wo ihm klar war, dass es keine Hoffnung mehr gibt, noch einmal mit seinen Geschwistern durchs Grün zu laufen, ließ keinen Raum für andere Überlegungen als ihm Weiteres, was er nicht wollte, zu ersparen. Sputnik starb so sanft und sofern „Gutes Sterben“ möglich ist in der Tierarztpraxis. Sein Bruder wird wahrscheinlich nicht lange ohne ihn auskommen müssen. Kurti wird Sputnik bald folgen. Wie Sputnik wird er uns sagen, wann es so weit ist.

Adieu, Sputnik.

Abschied von Leonore

Leonores Geschichte ist eine für Menschen, die mit Kaninchen zusammenleben – und eine für Tierärztinnen und Tierärzte.

Als Leonore vor einigen Monaten ins Land der Tiere einzog, war ihr Ernährungszustand katastrophal. Sie war Haut und Knochen, aber munter und aktiv. Ihre Zähne zum Teil viel zu lang gewachsen, um vernünftig Nahrung zu sich nehmen zu können. Ihr Gesicht auf einer Seite dick, so dachten wir, vermuteten aufgrund der Zahnprobleme einen Abszess. Leonore aß, alles was wir ihr „Kleines“ anboten. Unmengen. Die Zähne wurden unter Narkose korrigiert. Es gab keinen Abszess in der „dicken Backe“. Sehr erfreulich, dachten wir. Leonore aß, war munter, legte ordentlich an Gewicht zu, hoppelte draußen mit den anderen Kaninchen herum, kuschelte, war unauffällig.

In der Tierarztpraxis hatte nach der Zahnkorrektur niemand hinterfragt, warum es schief war. Und wir kamen erst drauf, als alles zu spät war. Heute wissen wir, dass wir wahrscheinlich von Anfang an keine Chance hatten, sie zu retten, auch weil es nicht das einzige große Problem war, das sie herumtrug.

Leonore ging es von einem auf den anderen Tag extrem schlecht. Sie hatte körperlich abgebaut in den Tagen zuvor, nicht so großen Appetit wie sonst, schien aber „normal fit“. An diesem Morgen ging dann nichts mehr. Sie kam nicht beim Rauslassen an die Tür gelaufen, um sich ihren gewohnten Frühstückskeks abzuholen. Sie lag in ihrem Haus, konnte nicht stehen. Nicht essen. War schon nicht mehr ganz da. Leonore lag im Sterben. Jemand von uns fuhr mit ihr zur Tierarztpraxis, um ihr einen längeren Weg in den Tod zu ersparen.

Die Tierärztin dort hatte jedoch eine ganz andere Idee. „Inspiriert“ vom schiefen Gesicht Leonores, die sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte, stellte sie eine Sicht-Diagnose. „Mit sehr guter Prognose.“ Das Tier habe E.C., da gäbe es doch beste Aussichten bei Behandlung mit einem Wurmmittel. Welches sie prompt eintütete und die sterbende Leonore wieder nach Hause schickte.

Dann lag Leonore wieder hier. So „hoffnungsvoll“ die Tierärztin, so klar war uns: Leonores Problem ist nicht E.C.. Und sie wird sterben, egal was wir tun. In diesem Moment mit ihr kam viel zu spät plötzlich die sichere Vermutung, endlich die Antwort auf die Frage nach der Ursache von Leonores Problem mit dem schiefen Gesicht gefunden zu haben: Leonores Ohr. Niemand hatte bislang überlegt, ob ein schmerzhaftes, von außen nicht sichtbares Ohrenproblem hinter ihrem schiefen Gesicht stecken könnte. Ob nicht eine Backe dick war, sondern die „dünne“ andere vor Dauerschmerz und Entzündung hochgezogen. Dazu passte die ungleichmäßige Zahnabnutzung. Und ihre Probleme mit räumlichem Sehen.

Wir kontaktierten wieder die Tierarztpraxis. Dass wir kommen, um Leonore einschläfern zu lassen. Die Antwort war recht unkooperativ „…aber es gibt doch eine gute Prognose bei E.C.-Kaninchen“. Ja, bei E.C.- Kaninchen, manchmal. Aber doch nicht bei Leonore, die nicht mehr ansprechbar war. Nach wahrscheinlich sehr langer, schwerer Krankheit nun noch unnötig lange gelitten hatte, weil in der Praxis ihr Sterbensprozess als „Krankheit mit guter Prognose“ gedeutet wurde.

Leonore wurde dann endlich eingeschläfert.

Heute wissen wir, es gab wirklich keine Chance, Leonore zu retten. Auch nicht, wenn jemand früher auf die Idee gekommen wäre, dass ihr Innenohr voller Eiter ist. Seit Monaten, Jahren? Die Untersuchung in der Pathologie, die wir beauftragten, bestätigte die Mittelohrentzündung mit hochgradiger Eiterfüllung. Es war längst nicht alles, was Leonore ertragen hatte, bis kurz vor ihrem Tod damit herumhoppelte, ohne sich etwas anmerken zu lassen: Gebärmutterkarzinome, Leberentzündung, Lungenentzündung mit Einlagerung von Pflanzenmaterial. Alles zusammen war ihr Tod.

Vielleicht kann ihre Geschichte anderen Kaninchen helfen und vor fehlenden und Fehldiagnosen bewahren.

Adieu, Leonore.

(*E.C., Encephalitozoon Cuniculi: Eine parasitäre Erkrankung, die das Nervensystem bisweilen so angreift, dass Kaninchen Kopfverdrehungen aufweisen, je nach Schwere nicht in der Lage sind, geradeaus zu laufen. Diese Schiefhaltung jedoch ist nicht zu verwechseln mit einer „Gesichtsverzerrung“, Gleichgewichtsstörungen und anderen Schiefhaltungen, verursacht z.B. durch Ohrentzündungen oder Zahn- und Kieferprobleme.)

Abschied von Bibo

Seit wir die Rettung, das Leben und das Sterben der ersten sechszehn „Mast“-Puter, die als Küken ins Land der Tiere einzogen, begleitet haben, ist da ein Haufen Liebe, ein Haufen Trauer – und keine kleine Illusion übrig, dass Tiere wie sie mit uns alt werden können.

Bei jedem einzelnen hofften und hoffen wir, mehr Lebenszeit für ihn herausschlagen zu können. Den Zeitpunkt hinauszögern zu können, wo der schwere Riesenkörper zusammenbricht, dessen Brust für die maximale „Fleischausbeute“ so hingezüchtet wurde, dass sie ein Drittel des Vogelgewichtes ausmacht. Ein monströser Brustmuskel, der 10 Kilo wiegt und den Körper zwangsläufig nach unten und vorne zieht, bis Beine und Hüfte unter seiner Schwere kapitulieren. Dazu jede Menge organische Probleme infolge genetischer „Fettleibigkeit“.

Die Hälfte der sechszehn Jungs beerdigten wir, bevor sie ein Jahr alt waren. Ein einziger wurde zwei Jahre alt. Der, von dem wir hofften, ihn noch jahrelang um uns zu haben. Es war illusorisch.

Als Bibo vor anderthalb Jahren ins Land der Tiere einzog, ließen sich Gedanken daran, dass auch er uns bald wieder verlassen würde, nicht verdrängen. Schon als Küken war er sterbenskrank, eigentlich dachten wir, er könnte nicht einmal „die mittlere Überlebensstatistik geretteter männlicher Puten“ halten. Bibo überlebte. Wurde erwachsen. Sogar ein frühes Hüftproblem besiegte er. Sein Körperbau taugte zu mehr als bei vielen Artgenossen. Bibo blieb schlank und groß, sackte nicht im Wachstum plötzlich durch das Eigengewicht nach unten. Und Bibo blieb, nachdem er schon über ein Jahr alt war, so sportlich, dass es ihm eine echte Freude war, auf das extra hoch angelegte Futterlager zu fliegen und die Futtereimer in hohem Bogen auszuleeren und sich mit dem erbeuteten Essen einen schönen Tag zu machen.

Bibo blieb nicht nur sportlich, sondern ein sanfter, lieber Typ. Längst nicht so protzig unterwegs wie der mit ihm zusammen gerettete Claudius, sondern eigentlich immer freundlich. Uns und gegenüber seinen Mitbewohnerinnen absolut liebenswert. Jemand, der keinen Streit suchte, sondern lieber kuschelte. Seine genetische Unersättlichkeit bisweilen eine nervraubende Angelegenheit, die dazu führte, dass sogar saubermachen mit ihm zusammen eine derart sportliche Herausforderung war, weil er sich auch über die Einstreu hermachen wollte. Es war empfehlenswert, Bibo nur mit ausgeklügelten Taktiken zu bedienen.

Und dann, ohne Vorwarnung. Bibo aß nicht. Es ging ihm schlecht, wir fanden keine Spur, wo das Problem liegen könnte. Er ließ uns keine Zeit für den Versuch herauszufinden, woran er litt. Als er morgens nicht aufstehen, nicht einmal eine Weintraube essen wollte und seine dunkelrote Gesichtsfarbe verriet, dass es ihm sehr schlecht ging, dachten wir noch nicht an Abschied, sondern an einen Tierarzttermin. Als wir ihn alleine ließen, legte er sich im Haus in ein Strohnest. 10 Minuten später fanden wir ihn dort, leuchtend himmelblau und rosa am Kopf, der Farbe, die Puten, die sich maximal wohlfühlen, haben. Bibo war gestorben.

Wir haben ihn beerdigt ohne nachzuforschen, welches seiner Organe versagte und seinen Tod verursachte. Mit anderthalb Jahren war er „biologisch uralt“ für einen als Mastputer gezüchteten Vogel und egal wie wir uns bei jedem seiner Art wünschen, doch mehr Lebenszeit herausschlagen zu können: Wir können es nicht. Wir können sie davor bewahren, misshandelte Ware zu sein, als Mastvögel zu leben, im Alter von wenigen Wochen geschlachtet zu werden. Bibo konnte ein freies, friedliches Leben führen, erwachsen werden, Freund sein.

Adieu, Bibo.

Abschied von Helene

Wir fanden sie unter den Bäumen. Eine Stunde zuvor war Helene dort noch mit den anderen unterwegs, im Laub nach leckeren Geheimnissen suchend, scharrend und pickend, glücklich und zufrieden, zwischendurch mit dem Hahn im Nachbargehege flirtend und Ente Heidi beim Baden im Teich beobachtend.

Vielleicht war sie so versunken in ihrem Tun, dass sie im Gegensatz zu den anderen, die ins Haus liefen und sich versteckten, die Gefahr, die von oben kam, gar nicht bemerkte. Es muss sehr schnell gegangen sein, der Angriff erfolgte im vermeintlichen Schutz der Bäume des Wäldchens im Hühnergehege. Dort fanden wir sie, kaum zu sehen im dunklen Laub. Ihr Körper mit zwei Bissverletzungen, die einem Greifvogelangriff zuzuordnen waren. Es gab keine Jagdspuren, es muss sehr schnell gegangen sein. Wir konnten nichts mehr für sie tun, außer sie zu beerdigen und uns zu fragen, ob wir ihren Tod hätten abwenden können.

Dafür hätte es nur eine Möglichkeit gegeben: Helene einzusperren, niemals wirklich Huhn sein zu lassen, Huhn, das mit den anderen herumzieht, scharrend und pickend, glücklich und zufrieden. Gefangenschaft und Frustration gab es in ihrem Leben genug, bevor sie ins Land der Tiere einzog. Sie lebte in „Bodenhaltung“, hatte nie Sonne, nie Wiese, hat niemals im Laub Geheimnisse suchen und finden können, lebte unter Hühnern, die sich gegenseitig attackierten, weil sie nie Huhn sein konnten.

Helene blieben 8 Monate des Huhn-Seins nach dem für sie geplanten Schlachttag, der ihr Rettungstag wurde.
Adieu, Helene.

Abschied von Oscar

Der bislang meist verarztete Patient im ganzen Land? Wahrscheinlich Oscar. Chronischer Schnupfen, der immer wieder behandelt werden musste, Pododermatitis aufgrund seines schweren „Mast“-Körperbaus, gegen die wir monatelang und tatsächlich erfolgreich angekämpft haben, regelmäßig mal ein Loch hier oder da, kassiert bei Streitigkeiten mit seinem Bruder Emil, mit dem er die Jahre bei uns zusammenlebte, kuschelte und kabbelte. Der größte Eiterabszess, den wir je an einem Kaninchen spülten, war selbstverständlich auch Oscars. Die meisten Spritzen mit Antibiotika? Oscar! Als ihn vor vielen Monaten dann noch in einer akuten Schnupfenphase eine Lähmung erwischte, die eines seiner Hinterbeine funktionslos machte, dachten wir: jetzt ist es wirklich vorbei.

War es nicht. Stattdessen tüftelten wir an einer Lösung, die verhinderte, dass er sich sein Bein aufschürfte beim Hinterherziehen. Mit Dauerfußverband war alles gut. Damit konnte Oscar wie ungelähmt mit den anderen herumlaufen und springen – und sich wie gewohnt mit Emil zanken, wenn den beiden danach war.

Alles war gut, sein Laufstil hatte sich so angepasst, dass kein Mensch die Lähmung überhaupt sah. Dann wieder Schnupfen. Und dieses Mal verschlimmerte er sich noch unter Medikamenten. Zwei Wochen Hoffnung, ihm auch dieses Mal wieder helfen zu können verschwanden in den letzten Tagen, weil sich sein Zustand dramatisch verschlechterte. Seine Lunge kapitulierte. Oscar starb beim Tierarzt.

Adieu, Oscar.

Abschied von Elliot & Eva

Elliot & Eva lernten sich im Herbst 2020 kennen, als Eva als Fund-Ente ins Land der Tiere einflog. Elliot, die wir als Küken retten konnten, war zu der Zeit grade ein Jahr alt und lebte zusammen mit ihrem alten Vater bei uns. Evas Landung kam wie gerufen. Sie und Elliot wurden schnell allerbeste Freundinnen, irgendwie… „Eins“. Zwei Gute-Laune-Enten, die „zusammenklebten“, tags, nachts, zu Lande und zu Wasser, beim Grasen, Watscheln, Schnattern, Baden, Putzen, Schlafen – immer. Mit ihrem so unglaublichen Lächeln im Gesicht.

Für zwei wie sie hätte es vielleicht gar nicht anders sein können als am selben Tag zu sterben. Eva überlebte Elliot nur ein paar Stunden. Elliot starb auf dem Weg zur Vogeltierarztpaxis. Der pathologische Befund: Nierenversagen, ohne infektiöse Ursache. Eva Knochen zeigten beim Röntgen den gleich schlechten Zustand wie Elliots. Es ging ihr so schlecht – und es bestand keine Hoffnung darauf, dass sie auch nur eine kleine gute Zeit haben könnte. Wir konnten nichts mehr für sie tun.

Adieu, Elliot & Eva.

Abschied von Luise

Ob Schafe wie die meisten Menschen davon träumen? Von einem zufriedenen und langen Leben, ohne im Alter bedeutsam krank oder nicht mehr mobil und nicht mehr selbstbestimmt zu sein? Und als altes Wesen einfach einzuschlafen und nicht mehr wach zu werden, wenn es an der Zeit ist?

Bei den vielen Patientinnen, vielen sehr alten Tieren, die an einem Ort wie im Land der Tiere leben, gibt es immer welche, wo wir täglich damit rechnen müssen, dass die Zeit zum Abschiednehmen gekommen ist. Bei Luise waren wir nicht vorbereitet. Trotz ihres Alters. Vielleicht auch weil ihre beiden Schwestern, Emma und Marie, schon so lange zu den Patientinnen gehören, die mit Altersproblemen belastet sind. Ihr Bruder Ferdinand, ebenfalls über Jahre Dauerpatient, vor einiger Zeit starb. Und Luise ganz im Gegensatz zu ihren Geschwistern – auch mit ihren fast 13 Jahren – immer die war und blieb, der es am besten ging. Vielleicht konnte sie auch einfach all die Zeit besser mit altersbedingten Problemen umgehen, weil sie immer die Unbeschwerteste der vier Geschwister war. Sicherlich war da mehr als Arthrose im Knie – aber Luise hat es vorgezogen, es für sich zu behalten und bis zum Schluss ganz selbstverständlich und fröhlich mit den anderen herumzuziehen.

Luise starb, während sie schlief. An dem Ort, wo sie fünfeinhalb Jahre sicher leben konnte, im Kreis ihrer Schaffamilie.

Adieu, Luise.

Abschied von Herr Boris Wiesengrün

Wenn einer erklären konnte, warum es nicht okay ist, Hühner zu essen, dann er.
Fast zwei Jahre lang hat er gekuschelt, gefragt, geliebt, connected. Seine Geschichte erzählt.

Als wir Herr Boris Wiesengrün im Februar 2020 kennenlernten, war er ein winziges Küken. Ein zufällig Ausgewählter aus einer piepsenden Masse Tausender kleiner Vögel,befreit zusammen mit fünf weiteren Küken aus einer Hühnermastanlage. Sechs Küken, die gezüchtet wurden, um kein Leben zu haben. Sechs kleine, hilflose Vögel, die eigentlich unter den schützenden Flügel der Mutter gehört hätten. Unsicher und suchend piepsend, suchend nach Mama, Wärme, Sicherheit. Mit ihrem Einzug ins Land der Tiere wurden wir „Ersatzmamas“, die mit Küken kuschelten.

Sie genossen es, auf und neben uns zu sitzen. Kuscheln, dösen, angeflitzt kommen, wenn die „Ersatzmamas“ in Sicht waren. Als Masthühner wären sie nach 29-42 Tagen Existenz geschlachtet worden – also noch als Babys. Masthühner wiegen dann bereits bis zu zweieinhalb Kilo, falls sie die Mast und ihr immenses Wachstum überhaupt überlebt haben. Auch die Wiesengrüns wuchsen immens. Klar war, dass sie sicherlich in ihrem Leben Probleme bekommen würden aufgrund ihrer auf Turbowachstum gezüchteten Körper. Während sie wuchsen, hörten sie nicht auf es zu genießen, auf ihren „Ersatzmamas“ herumzusitzen. Gestreichelt zu werden.

An dem Tag, wo wir sie retten und sie ins Land der Tiere einziehen, an jedem Tag, an dem wir sie streicheln, steht fest, dass irgendwann der Tag kommt, an dem wir sie beerdigen müssen. Wann? Ob nach viel Zeit, fortschreitendem Alterungsprozess, oder nach langer oder plötzlicher Krankheit – oder einfach „aus heiterem Himmel“, ohne jede Vorwarnung. So wie bei Herr Boris Wiesengrün. Er lief los in freudiger Erwartung eines Apfels zum Mittagessen, wie jeden Tag. Fiel einfach um, starb innerhalb von Sekunden. Letzte, gestreichelte Sekunden.

Plötzliche Todesfälle sind bei den auf maximale „Fleischmasse“ gezüchteten Hühnern und Hähnen keine Seltenheit. Akutes Herz-Kreislaufversagen, geplatzte Arterien, Luftsäcke und Organe und viele andere tödliche Probleme sind „Normalität“ bei diesen Tieren. An der Tagesordnung in den Mastanlagen, obwohl die Hühner dort noch Küken sind. Boris und die anderen Wiesengrüns konnten dieser „Normalität“ entkommen – und tatsächlich hätten wir nie zu hoffen gewagt, dass es ihnen so lange so gut geht. Dass ausgerechnet Herr Boris Wiesengrün, der Sanfte mit dem augenscheinlich „lebenstauglichstem Körperbau“, nun der Erste ist, dessen Leben nach einer wundervollen Zeit vorbei ist, war unvorhersehbar. Es ist gut, nicht zu wissen, wann es so weit sein wird, sondern sich auf die gestreichelte Zeit dazwischen konzentrieren zu können – und sie überhaupt zu haben.

Adieu, Herr Boris Wiesengrün.

Abschied von Pfefferminza

Pfefferminza lernten wir kurz vor Weihnachten vor zwei Jahren kennen. Sie und zwei andere Kaninchen waren die letzten Überlebenden einer „Schlacht“-Kaninchenhaltung – wahrscheinlich die „Lieblingszuchttiere“ der Besitzerin. Alle anderen Kaninchen hatte sie geschlachtet, kurz bevor sie starb. Wie viele Jahre Pfefferminza verborgen hinterm Haus einsam in ihrem kleinen Stall gehockt hat? Eingesperrt und isoliert von allem, was ein Kaninchenleben ausmacht: freie Bewegung, hoppeln, sich aufrichten, buddeln, springen, grasen, hüpfen, flitzen, kuscheln.

Von einem auf den anderen Tag wurde für Pfefferminza und die anderen alles anders. Der erste unbeholfene Glückshüpfer in die Land der Tiere-Luft. Das erste Mal zusammen mit anderen Kaninchen kuscheln. Üben, Männchen zu machen, um an die leckersten Sachen heranzukommen. Zwischen Pfefferminza und den anderen entwickelte sich eine tiefe Freundschaft – so tief, dass sie oft zu dritt übereinanderliegend als Kuschelhaufen unter einem Baum herumlagen. So eng, wie man Kaninchen nicht häufig sieht. Ob es „Nachholbedarf“ war oder Liebe? Wahrscheinlich eine sehr große Portion von beidem.

Wir hätten viel darum gegeben, ihnen mehr dieser guten, gemeinsamen Zeit verschaffen zu können. Leider waren alle drei gesundheitlich angeschlagen, als sie zu uns kamen. Chronischer Schnupfen und weitere Probleme machte sie zu Dauerpatienten. Sie hatten nur ein paar Monate zu dritt. Nach einer Zeit war nur noch Pfefferminza, deren Gesundheitszustand auch alles andere als gut war, übrig.

Pfefferminza wurde in den vergangenen Monaten zur „Intensivpatientin“ aufgrund der unbesiegbaren Schnupfenerkrankung, war mehr oder weniger dauerhaft in Behandlung und unter Medikamenten. Es gab keine Heilung – aber wir konnten Zeit für sie herausschinden. Zeit, in der sie frei sein konnte, Zeit, in der sie mit den anderen Kaninchen ihrer Gruppe zusammensein und kuscheln konnte. Zeit zum Leben – dem Leben, das ihre Besitzerin, die sie einsperrte und als Zuchthäsin missbrauchte, ihr so lange vorenthalten hatte, weil sie nie gesehen hat, was sie ihren Tieren antat. Vielleicht hat es sie nie interessiert, das Befinden ihrer Tiere, die Interessen ihrer Kaninchen.

Uns hat es interessiert. Fast zwei Jahre Leben konnte Pfefferminza dadurch haben. Sie starb vor einigen Tagen infolge ihrer chronischen Erkrankung.

Adieu, Pfefferminza.

Abschied von Ferdinand

Nie wieder mehr in der Sonne glitzernder Schnee auf Ferdinands Nase.

Nie wieder Ferdinand, der morgens vorm Stall liegt und auf seine Extraportion Essen und sein Schmerzmittel-Brötchen wartet. Es ist still ohne seine Rufe, die uns in den vergangenen Monaten so oft von irgendwo weggeholt haben, um ihn sicher nach Hause oder wieder zu den anderen Schafen zu bringen, die Ferdinand mit fortschreitender Demenz und Erblindung immer häufiger verlor, obwohl er doch einen Moment zuvor noch neben ihnen gestanden hatte.

Als Ferdinand vor fünf Jahren zusammen mit seinen drei Schwestern ins Land der Tiere einzog, war er sieben Jahre alt, doch körperlich ein sehr alter Herr. Er humpelte aufgrund einer alten Schulterverletzung, an der es nichts mehr zu reparieren gab. Das Einzige, was wir ihm Gutes tun konnten, ihn schmerzfrei und am Laufen zu halten. Fünf Jahre ging es gut, so gut es gehen konnte. Ferdinand blieb mobil, konnte mit den anderen um die Bäume ziehen, wenn auch humpelnd.

In den vergangenen Wochen verbesserte sich seine Lauffähigkeit – und oft war er morgens der Erste, der auf den „Schaffrühstücksspaziergang“ durchs Land wartete. Ferdinand war so flott unterwegs wie lange zuvor nicht. Grade so, als hätte er sein Schulterproblem vergessen. Und noch etwas zu erledigen. Seine Erblindung, die in den letzten Monaten sehr vorangeschritten war, erschwerte seine Pläne, und wenn er vergaß, wo die anderen Schafe waren, einfach irgendwo seine Wege ging, nicht sah, wo er suchen musste, war er verzweifelt und hilflos. Und wir somit immer auf dem Sprung, ihm zu helfen, wenn er alleine nicht klarkam.

Als es ihm vor einigen Tagen plötzlich schlecht ging, er nicht aufstand, keinen Appetit hatte, nahte sein Abschied. Sein Herz schlug wie das eines Tieres im Winterschlaf, er atmete ganz ruhig, war kaum ansprechbar. Wir rechneten nicht damit, dass er noch einmal aufstehen würde. Doch Ferdinand stand nach zwei Tagen wieder auf. Um noch ein paar begleitete Runden mit den anderen Schafen durchs Land zu ziehen, im Klee zu stehen und zu essen. Als er sich dann wieder ruhig in den Stall legte, wo er selbständig auf eigenen Beinen hinging, war es das letzte Mal. Ferdinand schlief ein und wurde nicht wieder wach.

Adieu, Ferdinand!

Abschied von Matinka

Woran denkt ihr bei Hühnereiern? Wir denken an Entzündungen und Eiter. Tumore und poröse Knochen. Schichteier, die mumifiziert im Huhn stecken. Unfertige, zerplatzte Eier, die blutig halb im Huhn und halb draußen hängen. Wir denken an die Hühner, die leiden und sterben für die Eierproduktion. Denken an Hühner wie Matinka, die doch nichts Anderes als Huhn sein wollten. 20 Eier im Jahr legen, vielleicht 15 Jahre alt werden.

Matinka lebte nach ihrer Rettung nur noch etwas mehr als zwei Jahre. Wie viele Eier sie legte in ihrem Leben? Ungefähr 1000? Nicht freiwillig. Sondern weil ihr Körper auf eine enorme „Legeleistung“ gezüchtet wurde. „Leistung“, die die Hühner tötet. Längst vor der Zeit, die ihr Leben eigentlich lang wäre. Was so technisch „Legeapparat“ genannt wird, es sind die Organe eines Vogels, der kein Apparat ist, leidet, Schmerzen hat, stirbt. Ein Vogel, der leben wollte und nicht konnte, sondern durch menschliche „züchterische Optimierung“ Eier legten musste, bis das Eierlegen tödlich endete.

Ein Trost, der bleibt? Dass es immerhin eine Zeit gab, wo nur sie selbst zählte, nicht ihre „Leistung“. Adieu, Matinka.

Abschied von Filippi

Manchmal ist es einfach „Liebe auf den ersten Blick“. Diese dauerte fünf Monate, die vielleicht die besten seines Lebens waren.

Als Filippi im Dezember 2020 einzog, begann eine intensive Zeit. Er sollte etwa sieben Jahre alt sein, humpeln aufgrund eines alten Beinproblemes, was ihn aber nicht stören würde. Die OP sei gelungen, er würde schon viel besser laufen. Unmittelbar bevor er einziehen sollte, bekamen wir die Nachricht, Filippi würde abbauen. Die spanischen Ärzte meinten, es gäbe vielleicht ein Tumorproblem, ihre dahingehenden Untersuchungen waren allerdings ergebnislos. Ob er trotzdem zu uns ziehen dürfte? Heute wissen wir, dass unsere Antwort, dass das Einzige, was wir bereuen würden, wahrscheinlich sein würde, ihn nicht viel früher kennengelernt zu haben, stimmt.

Der alte Herr war komplett abgebaut, als er ankam. Nicht 7, sondern eher 15 Jahre alt, mindestens halb blind. Klapperdürr, dehydriert, mit einer infizierten OP-Wunde, aus der uns sein Beinimplantat anblinkte. Dazu Babesiose, Herz und Lunge extrem vergrößert, Hyperkalzämie – für die wir dann nach x Untersuchungen die Ursache fanden. Ein Tumor zwischen Herz und Lunge. Ab diesem Zeitpunkt wussten wir, dass wir uns wegen des Implantats und der multiresistenten Keime sozusagen keine Sorgen mehr machen mussten. Nur die, dass es hält, bis der Tumor sein Leben beendet. Es hielt. Mit 5 Monaten Antibiotika und ständigen Verbandwechseln.

Filippi lief und tat das, was er in seinem langen Leben als Jagdhund und Verlorener zuvor wahrscheinlich nicht konnte. Tun, was er wollte, leben zwischen bequemem Bett, vollen Futternäpfen und entspannten Spaziergängen. Er entwickelte eine Vorliebe für… Eulenscheiße. Sein Grinsen, wenn er genüsslich kauend unter einem der Eulenschlafbäume „Beute gemacht hatte“, entschädigte uns für schlaflose Nächte mit ihm, in denen er alle zwei Stunden zum Pinkeln rausmusste.

Filippis Körper baute auf und ab. Oft dachten wir, sein letzter Tag sei gekommen. Diese Tage, wo er es nicht unter die Eulenbäume schaffte, sondern einfach im Bett lag und schlief. Nicht zum Essen aufstand. Kaum ansprechbar war. Jedes Mal schaffte er es wieder, plötzlich stand er auf, hatte mächtigen Appetit, ging spazieren, freute sich rund – er wedelte wirklich rund! – so ganz selbstverständlich.

Dann hatte er wieder diese Tage. Nichts ging. Wir glaubten nicht daran, dass er noch einmal aufsteht. Und dann stand er wieder da. Mit gutem Appetit. Grinsend unter den Eulenbäumen. Ging vorsichtig ein Ründchen spazieren. Doch etwas war anders. Er war „näher“, viel näher als sonst, dieser Filippi, der echte körperliche Nähe zu seinen Menschen nie wollte. Ein Wochenende lang war er wieder der Filippi, der so an jemanden erinnerte, der nach einer tödlichen Diagnose auf Kreuzfahrt geht und alles Gute mitnimmt, was er immer erleben wollte. Filippi tat es bis zum letztem Moment. Ein letzter Spaziergang, ein letztes Abendessen. Er ging danach wie gewohnt zum Pinkeln raus. Sein letztes Mal, in Begleitung „seiner“ Menschin, die sich fünf Monate zuvor auf den ersten Blick in ihn verliebte. Sekunden später starb er.

Adieu, Filippi.

Abschied von Nica

Vielleicht hat Nica schon immer gewusst, dass sie einen Grund hatte, gut auf sich aufzupassen. Sich vor allen möglichen und unmöglichen Gefahren, egal ob vor vorbeifahrenden Traktoren, fremden Menschen, Gewittern oder Schüssen, in Sicherheit zu bringen. Am Ende waren sie und wir machtlos, weil ihr einzig wahrer Feind einer war, vor dem es weder Fluchtmöglichkeiten noch Sicherheit gibt.

Nica starb letzte Woche Zuhause an einem ihrer liebsten Orte im Haus, wo sie sich immer sicher fühlte.

Adieu, Nica.

Wir hatten gehofft, dass uns mehr bleiben wird als die „statistischen vier bis sechs Wochen“ nach der Diagnose. Und mussten die Hoffnung darauf zusammen mit ihr beerdigen. Als wir mit Nica im November in die Tierarztpraxis fuhren, war anhand der Symptome fast klar, dass wir mit den Laborergebnissen die Diagnose bekommen würden, die wir nicht haben wollten. Eine kleine Lymphknotenschwellung im Hals war innerhalb von zwei Tagen so massiv groß geworden, dass sie kaum trinken konnte, alle anderen Lymphknoten wuchsen rasant mit, sie konnte sich kaum bewegen, war platt, hatte Fieber. Dass sie schon zwei Tage später nach diversen Medikamenten wieder okay war, lief, rannte, spielte, Traktoren verbellen konnte, guten Appetit und gute Laune hatte, gab uns Hoffnung, dass das Laborergebnis der Lymphknotenpunktion nicht die Diagnose „Lymphom“ liefern würde.

Die nächste Hoffnung, dass ihr trotz der Diagnose noch ein bisschen mehr Zeit bleiben würde als eine Woche oder ein Monat – aber selbst die optimistische Aussicht auf vielleicht sogar noch ein Jahr -konnte nicht genug sein.

Am Ende blieb ihr ein Monat. Ein Monat, wo es ihr gesundheitlich so gut ging, dass sie noch einmal Traktoren verjagen, mit ihrer Schwester Muli balgen, sich mit den Schafen „Keksabhol-Duelle“ liefern, ihre Menschen mit ihrem 50 Kilo schweren umwerfenden Charme und ihrem verschmitzten Grinsen im Gesicht „umkuscheln“ und noch einige ihrer heiß geliebten kleinen Plüschbärchen zerlegen konnte.

Abschied von Mathilda

Bei der ersten Begegnung mit Mathilda haben wir uns geschämt für das, was andere ihr angetan hatten. Menschen kannte Mathilda nur als diejenigen, die sie alle paar Tage in die Enge trieben, einfingen, kopfüber festhielten, vergewaltigten, künstlich besamten. Mathilda Körper wies zahlreiche Verletzungen auf. Nach einem Jahr als Zuchtpute, gequält und gehalten zur Eiablage für die „Mastkükenproduktion“ in einem Großbetrieb, war sie physisch und psychisch am Ende ihrer Kräfte.

Es war eine Begrüßung mit Tränen, als sie vor über vier Jahren ins Land der Tiere einzog, statt im Schlachthof zu sterben – und dem Versprechen, dass sie ein Leben haben würde. Eine Zukunft ohne Gewalt, mit Sonne auf den Flügeln, Wiese unter den Füßen, Freundschaften und der Freiheit, ihre Tage selbstbestimmt zu verbringen.

Wir wurden Vertraute. Enge Vertraute, die viel Zeit miteinander verbrachten. Zwischen dem Tag, an dem sie das erste Mal in ihrem Leben draußen sein konnte, neugierig den Himmel betrachtete, ihre Augen die Wolken verfolgten, sie zwitschernd und glücklich glucksend den ersten Grashalm pflückte, ihr erstes Sandbad in der Sonne nahm und dem Tag, an dem wir uns von ihr verabschieden mussten, lagen nun mehr als vier Jahre. Dass Mathilda so alt werden würde, hätten wir kaum zu hoffen gewagt, denn für eine Pute der überschweren „Mastrassen“ ist es ein unglaubliche hohes Alter.

Auch bei Mathilda traten in den vergangenen Wochen mehr und mehr körperliche Probleme auf. Es fing an mit ihrer Hüfte, weitere Gebrechen kamen hinzu. Jetzt war der unausweichliche Tag da, wo keine Therapie mehr möglich war – und wir uns für immer verabschieden mussten.

Adieu, Mathilda.

Abschied von Max

Kann man sich mit dem Tod versöhnen? Vielleicht wenn er nach einem langen, friedlichen, wunderbaren Leben eintritt.

Als wir Max kennenlernten, war er ein Lamm. Ein „Osterlamm“ ohne Zukunftsaussicht. Sein Leben hatte er Menschen zu verdanken, die vor über 15 Jahren vor einer Schafherde mit Lämmern standen und die kleinen Schafe bewunderten. Ihren war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, dass all die kleinen männlichen Lämmer schon bei ihrer Geburt „zum Tod verurteilt“ waren – und im Alter von wenigen Wochen geschlachtet werden. Diese traurige Erkenntnis ließ sie handeln. Vegetarier*innen werden – und Max retten.

Viele glückliche Jahre lebte Max bei ihnen ein wohlbehütetes Leben, in dieser Zeit trafen wir ihn regelmäßig, Max wurde zum Vertrauten. Er für uns, wir für ihn. Dass er irgendwann im Land der Tiere leben würde, wusste da noch niemand. Als seine Menschen den Entschluss fassten, auszuwandern, war klar, dass Max seinen Lebensort für die letzten Jahre dort finden würde, wo er Vertraute haben würde: im Land der Tiere. Als er zusammen mit seinem besten Schaf-Freund Moritz und der kleinen alten Lotte im Land der Tiere einzog, war er bereits ein alter Herr. Niemals ein Schaf mit „Führungsqualitäten“, sondern ein sanfter Riese. Irgendwann in einem Zustand zwischen Altersweisheit und Tüdeligkeit angekommen. Max überlebte Lotte und Moritz. Der Tod vom Moritz vor einigen Monaten war schwer zu verkraften für ihn. Zwei Freunde, über 14 Jahre lang Seite an Seite in tiefer Verbundenheit. Max verlor trotzdem nicht den Mut, lebte zufrieden zusammen mit den anderen Schafen. Trotz aller Altersgebrechen und Arthrose in den Gelenken hatte er einen Anspruch: dabei zu sein, mitten im Leben. Mit den anderen herumzuziehen, anzukommen, wenn er uns sah, Kekse und Streicheleinheiten abholen, auch wenn es zusehend schwerer fiel.

Mit diesem Anspruch ging Max in seinen letzten Lebenstag. Einige Tage vor seinem Tod wurde er zum Notfallpatienten aufgrund organischer Probleme. Er überlebte die ersten Tage, obwohl es keine Hoffnung gab. Wir wussten es, er wusste es. Max ging es furchtbar schlecht. Er lag bereits so, dass wir kaum dachten, dass er noch einmal aufsteht. Doch Max stand auf. Für einen letzten Spaziergang durchs Land der Tiere, zusammen mit den anderen Schafen. Danach ging er in den Stall, legte sich – und starb.

Adieu, Max

Abschied von Helmut

Helmut war ein „Charaktervogel“. Voller Lebenslust, solange er seine Freundin Helma an seiner Seite hatte. Nach ihrem Tod vor einigen Monaten wurde alles anders. Seine geliebte Helma konnten wir ihm nicht ersetzten. Helmuts neuer kleiner Gesellschafter, Perlhuhnhahn Hütchen, der bei ihm einzog, war „Gesellschaft“ – aber nicht mehr. Beide waren nicht zufrieden, flogen ständig weg. Helmut flog und lief rastlos herum, rief, suchte. Helma?

Wir starteten den nächsten Versuch, Helmuts Glück wiederzufinden. Vergeblich. Auch die neue Gesellschaft, drei junge gerettete „Mastperlhühner“, machte ihn nicht glücklich. Helmut alterte zusehends, wurde zunehmend trauriger, zog sich zurück, gab auf. An dem Tag, an dem er starb, war er ein Schatten seiner selbst, ohne „körperlich krank zu sein“. Wir fanden ihn morgens an seinem Lieblingsschlafplatz im Perlhuhnhaus, wo er sich für immer verabschiedet hatte.

Adieu, Helmut.