Endlich leben. Und die eigenen Kinder aufwachsen sehen.
Das konnte Mama Helga im Land der Tiere. Vor ihrer Rettung wurden sie und ihre Familie einzeln in engen Buchten in einem dunklen, verdreckten Taubenschlag gehalten. Die Buchten so klein, dass die Kaninchen sich nicht einmal aufrichten konnten. Doch dann kam ihr Halter, ein „Kleintierzüchter“, nicht mehr aus dem Krankenhaus zurück. Liebe Menschen sahen das Leid der Kaninchen und sorgten dafür, dass die „Schlachtkaninchenzucht“ ein Ende hat – und die zwölf Kaninchen zogen im Sommer 2021 ins Land der Tiere.
Für Helga und ihre Familie hat sich damit alles verändert. Zum ersten Mal Platz haben, zum ersten Mal Gras spüren, zum ersten Mal als Familie leben. Denn vor ihrer Rettung wurde Helga als „Zuchthäsin“ ausgebeutet. Sie bekam so oft Babys, wie ihr „Besitzer“ es wollte. Ihre Kinder wurden ihr weggenommen, um dann gemästet und geschlachtet oder weiter verkauft zu werden. Wie oft sie diesen Kreislauf mitmachen musste, wissen wir nicht.
Als die Familie an dem grauenhaften Ort, an dem sie vorher lebten, gefunden wurde, hatten die letzten vier Babys von Helga gerade mal das Nest verlassen. Fiffi, Stuart, Leo und Ole waren winzig, als sie gerettet wurden. Im Land der Tiere konnte Helga ihre Kinder zum ersten Mal großziehen. Sie war eine ganz wunderbare, aufmerksame und liebevolle Mama, unfassbar geduldig und entspannt mit dem quirligen Nachwuchs. Auch mit ihren älteren Kindern, die früh von ihr getrennt wurden, verstand Helga sich gut, als sie sich wiedertrafen.
Jetzt konnte sie endlich mit der Familie sein, aber auch endlich Platz haben. Mit Grün, wohin das Auge reicht, Buddelmöglichkeiten ohne Ende und genug Fläche zum ordentlich hoppeln. Helga hat ihr neues Zuhause genutzt, war gerne unterwegs und kannte die besten Stellen, um in Ruhe zu dösen. Und zwischen all den Aktivitäten, denen sie nun nachgehen konnte, war es ihr trotzdem wichtig, immer mal wieder mit den Kindern zu kuscheln und ihre Nähe zu suchen.
Und Helga suchte nicht nur die Nähe ihrer Kinder. Ungewöhnlich für Kaninchen, und wir kamen nicht umhin, jedes Mal von einer „Ausnahme“ zu sprechen, forderte sie auch Streicheleinheiten von Menschen ein. In Helgas Fall heißt das: Sie kommt direkt auf den möglichen kraulwilligen Menschen zugehoppelt und platziert sich neben ihm – eine äußerst charmante Kraulaufforderung, zu der vermutlich niemand je Nein sagen konnte.
Doch Helgas Körper holte sie irgendwann ein. Auf „Masse“ gezüchtet und größer, als für Kaninchen gut ist, hat er ihr schon länger die typischen Probleme großer Kaninchenrassen bereitet. Helga hatte Rückenprobleme, konnte irgendwann ihre Hinterbeine nicht mehr so benutzen, wie es sein sollte, ließ sich davon aber erst mal kaum beeindrucken. Machte mit täglichen Schmerzmittelgaben weiter ihr Ding, traf sich zum Kuscheln mit ihren Kids und war draußen unterwegs, wenn auch nicht mehr im kompletten Gehege. Auch als ihr Bewegungsradius sich zunehmend einschränkte, gab Helga nicht auf. Bis zu dem Tag, als sie die Kontrolle über ihre Hinterbeine gänzlich verlor – und ihr Lebensmut Verzweiflung wich. Am Ende konnten wir nicht mehr für sie tun, als sie einschläfern zu lassen.
Adieu, Mama Helga.
15. Mai 2025




