Vor einem Jahr starb Ärnies Bruder Bärt in der Tierklink. Als wir nun Ärnie dorthin brachten, hatten wir Hoffnung, dass die alternativlose Harnstein-Operation sein Leben retten würde. Er überlebte die OP, die Prognose war in den Tagen darauf „vorsichtig hoffnungsvoll“. Dann kam der Anruf, den wir so gefürchtet hatten. Bärta hat auch ihren zweiten Sohn verloren.

Abschied von Ärnie.

Ärnies Mutter lebte ein sehr entbehrungsreiches Leben in Dreck und Müll bei Menschen, die von ihr nur eins wollten: ihre Milch und ihre Lämmer. Während wir im Oktober 2019 mit diesem Menschen die Rettung ihrer Tiere verhandelten, deren Versorgung ihnen vor langer Zeit schon komplett entglitten war, ersparten sie uns nicht mal die Geschichte der letzten Geburt mit dem schwachen Lamm, das einen Tag zuvor auf dem Grill im Hof landete und „so lecker war“.

Nie wieder sollte es dort so kommen, das war unser Auftrag. Neben vielen anderen Tieren von dort kam auch Ärnies Mutter Bärta mit uns. Dass mit ihr zwei frisch befruchtete Eizellen in ihrem Bauch ins Land der Tiere einzogen, wussten wir nicht. Aber es war dann genau gut so, wie es war. Weil für Bärta der ewige Kreislauf von gebären, Milch „geben“, den gewaltvollen Tod der eigenen Kinder mit ansehen zu müssen, endlich für immer vorbei war. Stattdessen wurde sie im Frühling nach ihrer Rettung Mutter zweier wundervoller Söhne: Ärnie und Bärt. Und Bärta wurde die beste Mutter. Immer ganz entspannt, wenn die Jungs Quatsch machten, unfassbar liebevoll bei ihrer Erziehung, vorausschauend, beschützend und keine Sekunde verging, ohne dass sie sie aus den Augen gelassen hat.

Das blieb so. Auch als die Jungs ihr längst über den Kopf gewachsen waren – körperlich. Aus den kleinen Quatschmachern, die wie Ping-Pong-Bälle durchs Land hüpften, sich für ein Schläfchen auf ihrem menschlichen Pflegepersonal niederließen, ausgiebige Kuschel-Kontests machten, wurden riesige Kerle. Ärnie blieb trotzdem „der Kleine“, Bärt „der große Bruder“. Ärnies Zartheit war mit Sicherheit der Tatsache geschuldet, dass er fast seine ersten Lebenswochen nicht durchgestanden hätte. Unmittelbar nach der Geburt war er gleich furchtbar krank, vielleicht landete versehentlich eine Ladung Fruchtwasser in seiner Lunge. Lange kämpften wir um sein Leben. Und Ärnie schaffte es.

Ärnie und Bärt wurden in Sachen Entspanntheit wie Bärta. Die Jungs klebten aneinander, wo einer war, war auch der andere. Machten ihre Showkämpfchen mit zusammenkrachendem Hörnergerassel, kauten sich gegenseitig an den Bärten herum, schliefen Po an Po – und natürlich blieb ihre Mutter immer die „Überwachungsperson“, die engste Vertraute. Jede Sekunde ihres Lebens.

Irgendwann nach ein paar Jahren haute es Ärnie gesundheitlich so um, dass es eigentlich keine Hoffnung gab. Ärnie war komplett bewegungsunfähig. Über Wochen gab es keine Perspektive, keine Diagnosen, keine Hoffnung. Und irgendwie haben wir es zusammen geschafft. Sein Bruder und er waren sichtbar glücklich, als Ärnie wieder aufstehen und sie endlich wieder zusammen tun konnten, was sie immer taten, Po an Po, Horn an Horn. Unter Mama Bärtas Aufsicht natürlich.

Und dann wurde Bärt krank. Es gab einige tierärztliche Theorien, was das Problem sein könnte. Doch keine dieser Theorien traf das, was wir dann feststellten: Bärt pinkelte plötzlich nicht mehr. Wir fuhren sofort in die Klinik mit ihm mit Verdacht auf Harnsteine. Und konnten sein Leben trotzdem nicht mehr retten. Ärnie schaffte es irgendwie, mit dem Verlust seines Bruders klarzukommen. Zusammen mit Bärta.

Dass ziemlich genau ein Jahr später ein Blick in Ärnies Gesicht reichte, um ihn sofort in die Tierklinik zu fahren, weil wir schon ohne Kontrolle des Urinabsatzes ahnten, was sein Problem war, konnte ihn dann auch nicht retten. Bei den ersten Untersuchungen wurden keine Harnsteine gefunden – man sieht sie nicht in jedem Fall beim Ultraschall oder Röntgen. Ärnie kam wieder nach Hause. Drei Tage später brachten wir ihn wieder in die Klinik. Der Verdacht bestätigte sich dann, Ärnie wurde sofort operiert.
Dreimal konnten wir Ärnies Leben retten. Der vierte Versuch endete ein paar Tage nach der OP. Ärnie wäre im März sechs Jahre alt geworden.

Adieu, Ärnie.

17. Januar 2026

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