Als das Ordnungsamt am Telefon war und fragte, ob wir eine Idee haben, wer sich in der Gegend um zwei ältere Bartagamen aus der Wohnung einer zwangseingewiesenen Person kümmern könnte, wussten wir niemanden in der Gegend – die Tierheimlandschaft ist hier dünn und kaum auf andere Tiere als Hunde und Katzen ausgelegt. Auffangstationen für Exoten: gänzliche Fehlanzeige. Wir wussten niemanden in der Gegend. Weil es niemanden gibt. Also fuhren wir los, um die beiden abzuholen.
Es war nicht einmal sofort feststellbar, ob die beiden Bartagamen in dem Terrarium überhaupt noch leben. Wie lange keine Heizung und Beleuchtung lief, wann sie das letzte Mal etwa essen konnten, wusste niemand. Die beiden klapperdünnen Bartagamen lebten, aber viel Leben war nicht mehr in ihnen…
Die meisten Reptilien hassen Umzüge, und es kann sie extrem belasten, wenn sie ihre gewohnte Umgebung verlieren. Schon darum hatten wir angekündigt, dass wir die Tiere mitsamt Terrarium abholen würden. Das wäre kein Problem – das würde in einen kleinen Kombi passen. Am Ende hat es die Hilfe der Freiwilligen Feuerwehr gebraucht, um mit sechs Personen das megaschwere Terrarium, das in keinen Kombi gepasst hätte, aus dem Haus zu holen. In den Feuerwehr-Mannschaftsbus passte es dann so eben.
Angekommen im Land der Tiere gab es dann Freibier für die Feuerwehr – und Wärme für die Bartagamen. Erst war unklar, ob ihre Halterin sie irgendwann wieder abholen wollen würde (und dürfte). Es klärte sich dann recht schnell, dass sie die Tiere nicht wiederbekommen würde. Sie wurden dann behördlich „zu unserem Eigentum erklärt“. Und wir hatten Klarheit, dass die beiden für immer bleiben würden – sofern sie die nächste Zeit überhaupt überstehen würden.
Sie überstanden sie. Ein paar Wochen später war klar, dass sie gesundheitlich aus dem Gröbsten raus sind, wenn auch ihr Darmpilz eine unbesiegbare Sache bleiben würde. Kaktus und Schröder, so hießen die beiden mittlerweile, waren muntere Bartagamen geworden und nahmen stetig zu. Ihr Spezialgebiet: bunter Gourmet-Salat, handverlesen, bitte gerne per Handfütterung einzelner Blättchen. Noch besser: Blumen essen!
Kaktus und Schröder waren immer unzertrennlich. Das ist bei Bartagamen, denen nachgesagt wird, sie seien strikte Einzelgänger, ein bisschen ungewöhnlich. Zwischen ihren gab es keinen Streit, kein Gedrohe, keine Dominanz einer der Beiden. Am liebsten hingen sie zusammen auf ihrem Lieblingssonnenplatz herum und beobachteten die Spornschildkröten, „ihre Winterhaustiere“. Und warteten natürlich auf die nächste Salat- oder Blumenlieferung. Ganz schön viele in den letzten sechs Jahren.
Jetzt liegt Schröder alleine auf dem Lieblingssonnenplatz. Es kam völlig überraschend und unvorbereitet, denn Kaktus war am Tag davor ganz normal. Ein Blick in ihre Augen reichte um zu sehen, wie schlecht es ihr ging, dass sie am Sterben war und wir es nicht mehr aufhalten konnten.
Adieu, Kaktus.
19. Oktober 2025



