Über 14 Jahre verbrachte Diego in einem kleinen Garten in der Großstadt, auf engem Raum zwischen den Häusern zusammen mit einer anderen Ziege. Als diese starb und Diego tieftraurig und alleine war, kümmerten sich Menschen, die Diego kannten, um eine Lösung für ihn. Die Suche nach einem Ort, wo er in Ruhe seinen Lebensabend gemeinsam mit anderen Ziegen verbringen konnte, führte Diego ins Land der Tiere. Im September 2022 zog er ein und machte mit über 14 Jahren nochmal einen Neuanfang.
Die körperlichen Baustellen, die er mitbrachte, waren nicht nur seinem Alter geschuldet. Klauenpflege, angemessene Ernährung und Bewegung – all das fehlte die Jahre vorher. Diego ließ sich von den nötigen Behandlungen nicht aufhalten. Er entdeckte schnell seine neue Umgebung und fand seinen Platz in der Ziegenfamilie und seine Lieblingsorte im Gehege.
Dazu gehörte „sein“ Hügel: hoch oben auf dem Bunker und mit Ausblick fast über das gesamte Land der Tiere. Diego hatte von dort stets alles im Blick, konnte aufmerksam die vorbeiziehenden Schafe und Perlhühner, die anderen Ziegen, die mit ihm lebten, die Katzen, Hunde, Puten, Minischweine und die umherlaufenden Menschen beobachten. Diego nahm gerne diese Beobachter-Rolle ein: Immer wissen, was los ist, ohne im Mittelpunkt stehen zu wollen.
Mit seinen eindrucksvollen Hörnern war Diego natürlich trotzdem eine Erscheinung. Und er hatte ein Händchen dafür, sich bei Führungen durch sein Gehege genau die Menschen rauszupicken, die seine Schmuseaufforderung, die aus „mit den Hörnern am Hosenbein reiben“ bestand, verstanden und ihr gerne nachkamen. Mit seinen Menschen aus der Tierversorgung hatte er ohnehin ganz enge Bindungen. Ein schelmischer Blick von Diego reichte, ausgiebige Krauleinheiten waren ihm garantiert. Und er konnte sehr verkuschelt sein.
Mit den Abläufen war er auch bestens vertraut: Weil Diego langsamer als die anderen aß und sowieso alles eher eine Schippe entspannter nahm, wäre er bei den üblichen Essensrangeleien in seiner neuen Ziegenfamilie zu kurz gekommen. Während die anderen abgelenkt waren, wurde Diego in „seinen“ Extra-Stall gerufen – wohlwissend, dass er nun in Ruhe Heu und seine Lieblings-Leckereien naschen konnte, machte er gerne mit. Hin und wieder begleitet von Kater Klaus, der Diegos exklusiven Essensplatz für seine Mittagsschläfe zu schätzen wusste.
Über zwei Jahre verbrachte Diego im Land der Tiere. Konnte die Aussicht genießen und alles aufmerksam im Blick haben, sich Gesellschaft suchen, wenn ihm danach war, sich an vertrauten und noch unbekannten Hosenbeinen kratzen, einfach machen, wonach ihm der Sinn stand.
Irgendwann aber holte ihn sein Alter komplett ein. Patient war er ja seit dem Tag seiner Ankunft, und mehr als einmal stand es richtig schlecht um ihn. Vor seinen letzten Lebenstagen baute Diego weiter ab. Auch seine Lieblingskräuter und das zusätzliche Essen konnten nicht verhindern, dass er immer mehr abnahm, kaum noch mobil war. Und dann kam der Tag, wo er festlag. Das Essen einstellte. Anfangs konnte er noch mit Hilfe aufstehen, aber auch das schaffte und wollte er am Ende nicht mehr. Er blieb die ganze Zeit ruhig, ertrug es, lag, wie er sonst auf seinem „Berg“ gelegen hatte. Und wir hofften, er schafft es alleine und kann so selbstbestimmt und friedlich sterben, wie er lebte.
Aber dann blieb uns doch nur noch der letzte Anruf beim Tierarzt für ihn.
Adieu, Diego.






