Je älter sie werden, umso „spezieller“ werden sie. Entwickeln so viele Eigenheiten, Vorlieben, Wünsche und „Macken“ – und manchmal ändern sich auch Pläne, so wie bei Jasmin.

Andere hatten vor 5 Jahren für das zu dem Zeitpunkt namenlose Putenküken diesem Plan: Einsperren, Mästen, Profit machen, Schlachten, zu „Putenbrustfleisch“ verarbeiten. Noch Andere den Plan, sie davor zu bewahren. Und wir dann den Plan, dass sie mit ihrer Freundin Jolanda, die zusammen mit ihr aus einer Putenmastanlage befreit wurde, glücklich leben kann bis ans Lebensende. Der zweite Plan wurde wahr, und das war auch der allerwichtigste Plan: einfach ein gutes Putenleben haben zu können. Jemand sein zu dürfen. Mit allen Eigenheiten, Vorlieben, Wünschen und „Macken“.

Jasmin und Jolanda waren versehentlich in einer Mastanlage mit lauter männlichen Puten gelandet. „Falsch gesext“, denn männliche und weibliche Puten werden fast immer getrennt gemästet. Bzw. werden weibliche Puten hierzulande überhaupt sehr selten gemästet, weil sie „nicht das bringen“, was mensch will: maximal viel Fleischansatz in minimaler Zeit. Da lohnt es sich viel mehr, nur die extraschweren Putenhähne zu mästen, die weiblichen Küken gleich wegzuwerfen oder zu exportieren.

Jasmin und ihre Freundin waren ziemlich mitgenommen von dem, was sie durch hatten in ihrem kurzen Leben in der Mastanlage. Dauerstress, dazu tausend Jungs, die langsam geschlechtsreif wurden. Ihre Überlebenschancen waren ja eh schon Null, weil sie bald geschlachtet werden sollten, aber noch geringer war die Chance, bis dahin überhaupt zu überleben.

Nach ihrer Quarantänezeit bei uns lernten sie Claudius und Bibo kennen. Etwa gleich alt bzw. jung, denn alle Putenkids waren erst ein paar Wochen alt. Es wurde… wunderschön mit ihnen. Alle vier waren so eng verbunden, sie waren so neugierig aufs Leben, unbeschwert, liebten es, wenn sie mit uns spazieren gehen konnten. Liebten es, zusammen mit Familie Ostermann in ihrem Garten zu sein – und das zu tun, wonach ihnen war. Herumrennen, Sachen suchen, Äpfel essen, sandbaden oder einfach zusammen unter einem Baum kuscheln.

Jasmin und Jolanda mussten im Lauf der Zeit damit klarkommen, dass erst Bibo und dann Claudius starb. Sie hielten zusammen, waren sich immer ganz nah. Auch, als sie irgendwann zwei neue Mitbewohner bekamen. Mit den beiden Cröllwitzer Putern Justus und Aljosha war alles harmonisch. Klar, die Jungs prügelten sich ab und an. Aber sie liebten sich dann doch mehr und rauften sich immer wieder zusammen. Natürlich hatte das auch etwas mit den mittlerweile „alten“ Mädels zu tun, um die sie sich bisweilen prügelten.

Wahrscheinlich geschah es dabei, dass einer von den Jungs Jasmin eine „Paarungsverletzung“ zufügte. Das war aber nicht das Schlimmste, denn so etwas heilt. Nicht heilte der Streit, der daraufhin zwischen Jasmin und Jolanda ausbrach. Sie wurden „unversöhnlich“. Ja, das ist nicht ungewöhnlich in Putenbeziehungen. Wenn es kracht, kracht es manchmal so, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als sie zu trennen.

Es war die schwerste Entscheidung – und die einzig Richtige. Jasmin zog aus. Bewohnte ab sofort ein Zimmer in Hausnummer 2. Und war glücklich dort. Es sei denn, Menschen kreuzten ihre Wege, die sie dort nicht haben wollte. Da war Jasmin äußerst konsequent. Vielleich machte es sie auch ein bisschen glücklich, erfolgreich Leute aus ihrem Garten zu schmeißen, von denen sie nicht gekrault werden wollte. Mit den anderen konnte sie nie genug Zeit haben.

Die Idee, sich mit den Nachbarputinnen anzufreunden, fand sie mal so, mal so. Jasmin entschied sich gegen ein Zusammenleben mit ihnen, verbrachte aber trotzdem viel Zeit mit den Nachbarinnen, manchmal lagen sie am Zaun zusammen im Gras und schliefen oder putzten sich ganz entspannt. Ohne Zaun dauerte es nie länger als ein paar Minuten, bis es Streit gab. Echten Streit, den man bei alten Puten, die sowieso körperlich nicht mehr die fittesten sind, nicht zumuten darf.

So hielt sich Jasmin tatsächlich gut, obwohl die Hüfte schon lange nicht mehr sehr beweglich war. Mit Schmerzmitteln lief sie durch ihren Garten, konnte alle Wege machen, die sie wollte. Dass sie sogar ihre Ex-Freundin Jolanda überleben würde, daran hatten wir nie gedacht.

An Jasmins letztem Tag war allen klar, dass ihr Leben vorbei ist. Dem letzten Termin bei unserer Vogeltierärztin griff Jasmin vorweg. Sie starb dort, wo sie fünf Jahre sein konnte, wer und wie sie war.

Adieu, Jasmin.

2. Dezember 2025

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