Wir konnten uns nie vorstellen, ohne Trudi zu sein.

Wie wählt man aus, welche Tiere aus einer Herde mit „Zucht- und Schlachtschafen“ den Ort, an dem ihnen jahrelang ihre Kinder weggenommen und getötet wurden, verlassen können und ins Land der Tiere einziehen werden? Bei Trudi war es keine Frage. Es war ein Foto, das entschied. Ein Foto mit einem ungepflegten, älteren Wildschaf mit katastrophalen Klauen reichte um zu sagen „die alte Mufflondame mit den schlimmen Füßen, die muss auf jeden Fall mit!“.

Trudi, damals mindestens 10 Jahre alt, vielleicht auch älter, stieg zusammen mit ihrer letzten Tochter, der einzigen, die ihr geblieben war, im Saarland in den Transporter. Mit ihnen zwei weitere Mütter und deren letzte Tochter. Als die sechs im Herbst 2015 ankamen war das Land der Tiere „noch ganz neu“, es gab erst drei andere Schafe, ganz tiefenentspannt, zwei davon schon sehr alt und eine sehr liebe „verrückte Nudel“ namens Mupf. Die drei schafften es, den sechs neuen, ängstlichen Schafen Sicherheit zu geben, die große Angst vor uns zu nehmen. Zeigten ihnen das Land, schlossen sich ihnen an.

Trudis Ausstrahlung und Tun führten schnell dazu, dass sie die Chefin der Schafe wurde. Die alte wilde Weisheit. Nicht autoritär, vielleicht hatte sie selbst daran nie gedacht. Die anderen wählten sie, weil Trudi einfach alles richtigmachte. Die besten Wege kannte. Sich traute, was andere nicht wagten, immer den Überblick über alles und alle hatte – und einfach immer die richtigen Entscheidungen traf, egal ob es um die besten Plätze für die Nahrungssuche ging oder die beste Aufsicht über die Herde. Während andere noch dastanden und grasten ahnte Trudi längst, wenn irgendwo Gefahr drohen konnte. Sie roch sie. Stand da mit der Nase ganz hoch in der Luft und checkte die Gegend. Ein Ruf von Trudi reichte, um die Schafe hinter sich zu versammeln, damit sie alle in Sicherheit bringen konnte. Sie folgten Trudi immer. Alle Schafe, die ins Land der Tiere einzogen.

Trudis Vorsicht war so ausgeprägt, dass sie es zwar schnell okay fand, sich von uns Kekse abzuholen – mit zwei Metern Sicherheitsabstand – aber sie vertraute keinem Menschen wirklich, obwohl sie uns von Anfang an „nahe war“. Sie respektierte uns vielleicht annähernd wie wir sie, ein Ruf reichte, damit sie mitsamt allen anderen Schafen angerannt kam, um mit uns spazieren zu gehen. Sie wagte sich sogar zwischen die Hunde, mit denen sie keine Berührungsängste hatte. Wagte jedoch nicht, sich aus einer Menschenhand direkt einen Keks zu schnappen, egal wie scharf sie auf grade diesen Keks war.

Zwei Jahre hat sie uns in diesem Zustand gelassen, dass wir nicht wussten, wie sich ihre Nase anfühlt. Irgendwann fing es dann an. Trudi traute sich mit extralangem Giraffenhals, Kekse direkt aus der Hand abzuholen und dabei berührten ihre Lippen Menschenfinger. Allein das war schon Grund genug für uns, vor lauter Glück noch viel mehr Kekse verteilen zu wollen. Als sie dann nach einem verspeisten Keks nicht wegging, sondern ganz nah stehenblieb und ihre Nase Finger berührten, die sie dann sogar an den Backen streicheln konnten: das war echtes Glück.

Trudi trieb es dann irgendwann sogar noch auf die Spitze, natürlich vergingen wieder ein paar Jährchen: sich hinzustellen, den Rücken lang zu machen und komplett durchkraulen zu lassen war für uns für sie wahrscheinlich ähnlich schön. So vertraut.

Es hätte absolut nicht zu Trudi gepasst, im Alter als hilflose Person dazustehen. Krank zu sein, vielleicht Arthrose zu haben, altersblind oder taub, nicht mehr Chefin der Schafe sein zu können. Bis zu dem Tag, als wir wegen Trudis gestresster Atmung den Tierarzt riefen, hatte sie getan, was sie immer getan hatte: die anderen Schafe durchs Land geführt und gut behütet. Einen Tag später zog sie sich zurück, wie Wildschafe es tun, kurz bevor sie sterben, um ihre Herde nicht zu gefährden. Einige der Arthrose-Schafe blieben in ihrer Nähe.

Es hätte nicht zu Trudi gepasst, nicht selbstbestimmt zu sterben. Während wir noch Hoffnung hatten, eine akute vorübergehende Erkrankung besiegen zu können, wusste sie wahrscheinlich längst, dass es ihr letzter Tag sein würde. Trudi starb friedlich und ohne unsere Hilfe in der Nacht im Alter von ungefähr 18 oder mehr Jahren.

Adieu, Trudi.

Schwein Pauline im Land der Tiere, einem Lebenshof für ehemalige "Nutztiere" in Mecklenburg-Vorpommern, idyllisch gelegen im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe zwischen Hamburg und Berlin

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Hündin Nica im Land der Tiere, einem Lebenshof für ehemalige "Nutztiere" in Mecklenburg-Vorpommern, idyllisch gelegen im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe zwischen Hamburg und Berlin

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