Fritzi wurde vor 16 Jahren bei einem „Rasseschafzüchter“ geboren. Einem älteren Menschen, der verschiedenste „seltene“ und „vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen“ züchtete – um sie zu nutzen. Irgendwann wurde er krank – und hatte viel zu viele Schafe, um sie noch versorgen zu können. „Bestandsreduktion“ heißt in solchen Fällen die „Lösung“ – eine Lösung, die keine ist, denn in der Regel heißt das: die „überzähligen“ Tiere werden geschlachtet. Die Schafe hatten Glück: Eine Nachbarin, die sich schon länger um die Tiere kümmerte, hätte das niemals zugelassen. Doch dafür brauchte sie: Lebensplätze.
Als sie bei uns anfragte, gab es erst wenige Schafe im Land der Tiere. Wir sagten sechs Lebensplätze zu. Drei Mütter mit ihren Töchtern kamen zu uns. Eine der Älteren, sie war fünf oder ein bisschen mehr: Fritzi. Ihr Name bekam schnell einen Zusatz: „die wundervolle Fritzi“. Längst nicht nur wegen ihrer unfassbar samtigen Nase, die wir irgendwann anfassen durften, als sie uns vertraute.
Fritzi teilte sich mit der weisen Trudi, der Ältesten ihrer Gruppe, die Aufsicht über alle. Und war unbestechlich. Ihr Vertrauen konnte man nicht einfach so gewinnen. Dass sie erst misstraute, wen wundert es, ihr Leben lang hatte sie zusehen müssen, wie die Lämmer, die sie bekommen hatte, ihr weggenommen wurden. Verkauft, geschlachtet. Das war mit ihrem Einzug ins Land der Tiere endlich vorbei. Auch wenn es erst so aussah, als hätte sie keine sehr starke Bindung zu ihrer Tochter Fanta, die mit ihr einzog. Doch wenn man genau hinschaute, die beiden waren immer zusammen. Nicht Po an Po, aber immer in den Augen. Noch näher kamen sie sich, als die körperlichen Probleme beider im Lauf der Jahre stärker wurden.
Fanta machte den Anfang mit einem Schulterproblem. Fritzi war da noch gut zu Fuß. Mit den Jahren fing es dann an, erst Arthroseprobleme, und dann ein Kreuzbandriss im Knie, aber Fritzi kämpfte sich wieder auf die Beine. Sie und ihre Tochter waren dauerhafte Schmerzmittelpatientinnen, und lange Zeit hielt es Fritzi so mobil, dass sie mit den anderen Schafen mitziehen konnte. Seit ihrem letzten Sommer hat sie es dann vernünftigerweise vorgezogen, keine weiten Wege mehr zu machen. Sondern stattdessen, immer zusammen mit ihrer Tochter, in Stallnähe zu bleiben, zu warten, auf die anderen Schafe, auf Extra-Essen, auf Medikamente – und auf Streicheleinheiten. Die konnten eigentlich nicht ausgiebig genug sein.
Jetzt im Winter baute Fritzi merklich ab. Verlor weiter an Mobilität. Auch wenn es bei einem 16-jährigen Schaf an ein Wunder gegrenzt hätte, dass Fritzi noch einen schönen Sommer haben könnte, sie und wir hatten ein bisschen die Hoffnung. Als Fritzi ihre verlor, weil ihr alter Körper kapitulierte, konnten wir nichts mehr für sie tun, außer ein letztes Mal ihren Tierarzt zu rufen.
Adieu, Fritzi.
16. März 2026



