Robinson war das letzte überlebende Kaninchen einer privaten „Mastkaninchenzucht“ – alle anderen waren bereits in der Kühltruhe. Warum sein Besitzer bei ihm plötzlich zögerte, eine Möglichkeit suchte, ihn nicht zu schlachten, uns fragte, ob wir ihn aufnehmen?
Robinson war biologisch schon ziemlich alt, als er kam. Er lebte über vier Jahre als „Zuchtbock“. Alleine bis auf die kurzen Momente, die er zwecks Nachwuchsproduktion zu einer Häsin gesetzt wurde. Hatte nichts von seinem Leben gehabt in dieser Zeit, nie Gefährten zum Kuscheln, Putzen – und draußen Herumlaufen. Als es nach seiner Ankunft bei uns so weit war, ihn anderen Kaninchen vorstellen zu können, gab es nur zwei, von denen vorstellbar war, dass sie zu ihm passen: die freche Karotti und der immer nur liebe Herr Lilli. Wer jemals Kaninchen vergesellschaftet hat weiß, dass es ziemlich normal ist, dass erst einmal die Fetzen fliegen. Nicht bei Robinson. Der wurde nicht gejagt und geflust, sondern geputzt von den beiden anderen. Ausgiebigst. Und Robinson wäre nie auf die Idee gekommen, jemand anderen zu Flusen oder zu Jagen.
Wenn Robinson Herr Lilli putzte, und das tat er nachdem Karotti irgendwann starb noch mehr als zuvor sowieso schon, wackelte die kleine Hautfalte unter seinem Kinn immer hin und her. Herr Lilli putzte auch die regelmäßig mit. Die beiden waren das, was man „ein Herz und eine Seele“ nennt, einer ohne den anderen undenkbar. Auch wenn sie draußen im Garten natürlich schon auch ihre getrennten Wege gingen, weil einer lieber unterm Baum im Schatten döste, während der andere versuchte, bei den Perlhühnern ein paar Körner zu mopsen.
Robinsons Körper alterte. Robinson wurde blind. Der Rücken wollte nicht so, wie er sollte. Und auch geistig ließ alles ein bisschen nach. Trotzdem bestand er darauf, sein Ding zu machen, draußen herumzuhoppeln, im Sand zu liegen, zu grasen. Und mit Herr Lilli zu kuscheln, ganz wichtig. Bei Medikamentengaben und notwendigen Behandlungen mussten wir immer ein bisschen kreativ sein, denn so sehr er es liebte, engsten Körperkontakt mit Herr Lilli zu haben, so sehr hasste er es, von Menschen angefasst zu werden. Manchmal warf er uns auch einfach aus dem Haus, so wie die kleine silberne Medikamentenschüssel, in der wir ihm seine Medikamente versteckten. Da half dann nur Geduld.
Drei Jahre mit Herr Lilli blieben Robinson. Drei Jahre tiefster Zuneigung. Drei Jahre echtes Kaninchenleben.
Adieu, Robinson.
17. März 2026




