Über Schildkrauts Vergangenheit war nichts bekannt, als sie im August 2021 ins Land der Tiere einzog. Nur dass sie „vermutlich“ ausgesetzt wurde, denn irgendwann war sie einfach da, im „ein- und ausbruchsicheren“ Gehege einer Frau, wo sie unmöglich auf eigenen Füßen hereingekommen sein konnte. Schildkrauts Alter ließ sich nicht genauer bestimmen als irgendwo zwischen 10 und 20 Jahren, vermutlich eher 10 und das, was wir eher „Dampfaufzucht“ nennen: ein viel zu groß und zu schnell gewachsener, breiter, flacher Panzer mit einer eher zu kleinen Schildkröte darin, oft eine Folge von Fehlernährung mit viel zu hohem Proteingehalt. Tatsächlich enthalten Fertigfuttersorten, wie man sie im Handel beim Kauf eines Schildkrötenbabys mitbekommt, einen extrem hohen Anteil Proteine, meist sogar unsinnigerweise tierischen Ursprungs. Was das mit einer Schildkröte macht, die in ihrem natürlichen Lebensraum nur wenige trockene Wildkräuter zur Verfügung hat und reine Pflanzenesserin ist, müsste sich auch ein schildkrötenunerfahrener Mensch eigentlich vorstellen können. Wenn solche Tiere dann auch noch in Terrarien mit schlechter Mineralstoffversorgung ohne UV-Licht leben, ist das Problem da – und nie wiedergutzumachen.
Wahrscheinlich wurde genau das Schildkraut zum tödlichen Verhängnis. Schildkröten sind an sich ziemlich geschickte und furchtlose kleine Leute, die gerne klettern. Und manchmal ist der Übermut so groß, dass sie versehentlich auf den Rücken fallen. Für eine gesunde Schildkröte ist das in aller Regel kein Problem, da wird gerudert und sich irgendwo mit den Füßen abgestützt, bis die Drehung in die richtige Position auf den Bauch gelingt. Schildkröten, deren Panzer aussehen wie der Schildkrauts, haben damit allerdings zum Teil massive Probleme. Und die lebensrettende Drehung gelingt nicht. Ist nicht zufällig grade Hilfe zur richtigen Zeit am richtigen Ort, tritt sehr schnell ein lebensbedrohlicher Zustand ein, weil Herz und Lunge durch andere Organe gequetscht werden.
Schildkraut muss abends nach dem sehr heißen Tag noch einmal losgelaufen sein in ihren Garten. An der Stelle, wo wir sie frühmorgens fanden, hätte sie eigentlich alle Möglichkeit gehabt, sich wieder auf die Füße zu drehen – aber es offenbar nicht geschafft. Wir hätten uns für sie so sehr noch ganz viel gute Lebenszeit gewünscht.
Adieu, Schildkraut.
31. Juli 2026




