Bei vielen Tieren, grade den alten, denken wir oft: hätten wir sie doch früher kennengelernt. Dann wäre ihr Leben weniger sorgenvoll gewesen – und vielleicht hätten sie auch noch mehr Lebenszeit gehabt.

Frau Lienchen und ihre beiden Gefährtinnen waren Teil eines „Streichelzoos“ auf einem Reiterhof, der mitsamt Tieren irgendwann verkauft wurde. Sie und die anderen „Streichelzoo“-Tiere kamen viele Jahre zuvor als „Geschenke“ dort hin, die schon mehrere „Besitzerinnen“ hatten, daher war auch nicht überliefert, wie alt sie wirklich waren. Frau Lienchens Alter wurde mit „12+x“ angegeben, als sie Ende August 2024 den Hof verließ, nachdem es Ärger mit dem Veterinäramt gegeben hatte. Alle drei zogen als Patientinnen ins Land der Tiere ein. Frau Lienchen kam zitternd, wusste nicht, auf welchem Bein sie stehen sollte, weil alle schmerzten. Dazu Lungenwürmer und andere Parasiten. Sie brauchte sofortige tierärztliche Behandlung und war zum Glück schnell auf dem Weg der Besserung. Ihre Gefährtin Lama hatte nicht so viel Glück, sie verstarb leider bereits wenige Wochen nach ihrer Ankunft, auch von Schaf Mausi musste sie kurz danach Abschied nehmen.

Zum Glück war Frau Lienchen – auch wenn sie eher ihr eigenes Ding machte – gut integriert in die Ziegengruppe. Oft lag sie einfach da und schaute den anderen zu, wenn sie Quatsch machten. Quatsch war eher nicht ihr Ding, und tatsächlich hielt sie sich eher an die beiden Guteschafe Ylva und Halvar, mit denen sie auch nachts den Stall teilte, weil es ihr lieber war.

Regelmäßig hatte Frau Lienchen Phasen, wo es ihr nicht gut ging. Wieviele Grunderkrankungen zu mit sich herumtrug, das bleib immer ihr Geheimnis. Und nach jeder nicht so guten Phase war wieder alles soweit in Ordnung, dass sie sich auch der Hundeerziehung widmen konnte. Die bekamen immer sehr eindeutige Ansagen, das Ziegengelände wieder zu verlassen, wenn sie zu Besuch bei den Ziegen waren.

Zu Frau Lienchens zweitem Rettungstag fing es an, dass sie sehr abbaute. Zuerst gab es Hoffnung, dass ihr schlechter Allgemeinzustand noch einmal umkehrbar sein könnte. Und sie bald den Hunden wieder eine knallen können würde. Es ging ihr seit ein paar Tagen überhaupt nicht gut, sie hatte schon mehrere Tierarztbesuche innerhalb der letzten Tage. Sie war schlapp, hatte Untertemperatur, Wasser im Bauch, war blass, konnte dann auch mit Hilfe nicht mehr auf ihren vier Beinen stehen.

Ja, Frau Lienchen war alt. Vielleicht auch uralt. Und leider hatten wir keine Chance mehr. Als wir die schwere Entscheidung trafen, sie einschläfern zu lassen, regelte Frau Lienchen ihren Abschied selbst. Bei der späten „Abendkontrolle“ aß sie noch einen ihrer Lieblingskekse, Halvar und Ylva lagen bei ihr am Zaun ihrer Krankenstube. Früh morgens war sie noch ansprechbar, wir beschlossen schweren Herzens, den Tierarzt zu rufen. Es passte absolut zu Frau Lienchen, dem vorwegzugreifen. Sie starb in unserem Beisein, schnell und ruhig, ohne sich noch gegen ihren Tod zu wehren.

Adieu, Frau Lienchen.

5. September 2026

Schwein Pauline im Land der Tiere, einem Lebenshof für ehemalige "Nutztiere" in Mecklenburg-Vorpommern, idyllisch gelegen im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe zwischen Hamburg und Berlin

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