Brigittes Mutter Paulchen wurde 17 Jahre alt. Brigitte selbst hat noch ein Jahr mehr Lebenszeit draufgelegt: 18 Jahre. 18 Jahre, möglich durch die Tatsache, dass sie irgendwann nicht mehr als „Nutztier“ betrachtet wurde.
Als wir sie Anfang 2020 in ihrem alten Zuhause besuchten, um zu entscheiden, ob wir den beiden Seniorinnen einen Lebensplatz anbieten können, sahen wir nur von der Ferne zwei Schafe, zwei Schafe voller Angst und Misstrauen, die sich vor einer näheren „Besichtigung“ in Sicherheit brachten. Kluge Schafe, schließlich konnten sie nicht ahnen, was passieren würde. Aber ihre Besitzerin meinte es gut mit ihnen. Früher hielt sie Schafe als „Nutztiere“, die nie die Chance hatten, alt zu werden. Irgendwann änderte sich das – und das Schlachten hatte ein Ende.
Als ihre Besitzerin selbst alt wurde und sich nicht mehr um die beiden Schafe kümmern konnte und das Haus – und die Schafe – aufgeben wollte, bemühte sie sich darum, für Paulchen und Brigitte einen Platz zu finden, wo sie einfach in Frieden bis ans Ende ihrer Tage leben können.
Beim Einzug ins Land der Tiere waren Brigitte und Paulchen bereits 12 und 13 Jahre alt – und voller Angst. Sobald sie Menschen nur aus der Ferne sahen, liefen sie weg. Wir hätten nicht daran geglaubt, dass sich das jemals ändern würde. Vor allem die große Brigitte war extrem misstrauisch Menschen gegenüber. Das blieb sie auch, als Paulchen längst entschieden hatte, ihre Angst abzulegen. Paulchen ließ sich anfassen. Irgendwann war es für sie selbstverständlich, angelaufen zu kommen, sei es für Kekse oder eine Streicheleinheit zwischendurch. Brigitte blieb erstmal „standhaft misstrauisch“.
Umso schöner, als sie irgendwann dastand, mit ihrem „Brigitte-Blick“, ganz ruhig, Keine Angst hatte, sich einen Keks abzuholen. Stehenblieb, den Kopf leicht senkte – und sich das weiche Gesicht streicheln ließ. Die weglaufende Brigitte war Vergangenheit und sie hatte volles Vertrauen gefunden. Strahlte in allem, was sie tat, eine ganz spezielle Ruhe aus.
Mit ihrer ganz speziellen Ruhe kümmerte sich Brigitte dann im Lauf ihrer Jahre um „Neuankömmlinge“: Schafe, die wie sie selbst erstmal Angst hatten, als sie einzogen. Ausgerechnet Brigitte nahm sich ihrer an, zog mit ihnen die ersten Runden um den Stall, zeigte ihnen das Land. Nahm Angst weg.
Nach dem Tod ihrer Mutter Paulchen, die im hohen Alter von 17 Jahren starb, bleib Brigitte „ihr eigenes Universum“, war aber zum Glück längst „fest verwoben“ mit den anderen Schafen. Und tatsächlich merkte man ihr das hohe Alter nicht an. Mit ihrem „Babyplüschgesicht“ und eben ihrem Brigitte-Blick stand sie da, eine der fittesten Seniorinnen. Aber irgendwann kam die Zeit, wo auch sie Probleme bekam. Probleme, die ein uralter Körper eben irgendwann bekommt. Sie trug es mit Würde und zum Glück hinderte ihr Körper sie nicht daran, ihr selbstbestimmtes Leben weiter zu führen. Bis zu ihren letzten Tagen zog sie mit den anderen Schafen durchs Land, genoss Kekse und Streicheleinheiten und nahm mit, was mitzunehmen war.
Wir hätten uns für sie gewünscht, selbstbestimmt zu sterben. Als sie dann festlag und ihr Körper innerhalb kurzer Zeit vor ihrem hohen Lebensalter kapitulierte, sie und wir uns der Tatsache stellen mussten, dass sie nicht mehr aufstehen können würde, mussten wir die schwerste aller Entscheidungen treffen, ein letztes Mal ihre Tierärztin rufen für einen würdevollen Abschied aus dem Leben.
Adieu, Brigitte.
16. Juni 2026




