Und dann war sie da. Mit ihrer Zwiebackfigur, ihren Katastrophenfüßen und ihrer großen Liebe für uns alle: Edäd. Jemand, an dem man nicht vorbeikommt, ohne zu kuscheln oder mindestens einen Keks zu verlieren. Beim Kuscheln wedelte sie mit ihrem Schwänzchen wie ein Lamm bei seiner Mutter. Damit und mit ihrer weichen grauen Nase, die sie in die Menschen versenkte, hat sie alle gekriegt. Viele viele unserer Gäste bei den Besuchszeiten. Uns sowieso. Ab dem ersten Tag.
Als Edäd kam meinten manche, dieser schräge Name, den ihre Menschen ihr gegeben hatten, könne unmöglich bleiben. Andere, dass es keinen anderen Namen gäbe, der besser zu ihr passt. Edäd lebte 12 Jahre lang zusammen mit ihrer Mutter. Bis diese starb und Edäd alleine zurückblieb – das Schlimmste, was einem Schaf passieren kann. Trotz aller Liebe zu Menschen: Schafe brauchen Schaf-Vertraute. Edäds Menschen liebten sie auch, suchten dann einen Platz für sie, damit sie glücklich noch älter werden und unter Schafen sein könnte. Edäd war „mehr als alt“, als sie kam. Und eine gesundheitliche Katastrophe, was ihre Menschen trotz aller Liebe überhaupt nicht bemerkt hatten.
Nicht nur ihre Figur und ihr Übergewicht, vor allem ihre Füße und das Klauenproblem waren schlimm: die krummsten Füße, die wir je bei einem Schaf gesehen haben. Das Horn ihrer hinteren Füße kringelte sich bei ihrer Ankunft viele Zentimeter lang in verschiedene Richtungen nach oben und seitwärts. Die erste Behandlung musste Edäd gleich nach ihrem Einzug über sich ergehen lassen, wie viele weitere folgten dann, wir können es nicht mehr zählen. Die Fehlstellung ihrer Füße blieb und war nicht mehr zu beheben. So lief sie dann, wie sie lief, mit ihren krummen Beinen und Klauen und ihrer Zwiebackfigur, war wunderschön, so wie sie war – und ein unfassbar süßes, nettes, altes Kuschelschäfchen.
Edäd stellte sich hier angekommen mit ihrer Zwiebackfigur und ihren krummen Füßen zwischen die anderen Schafe und sagte „Bin ich gut oder bin ich gut?“, versprühte ruckzuck überall eine Portion Liebe – und niemand hätte es gewagt zu behaupten, dass man ihrem Charme wiederstehen kann. Auch nicht die Schafe, von denen wir es am wenigsten erwartet hätten. Sie zog dann einfach mit ihnen los als ob es so hätte sein sollen und war ab Tag 1 zuhause hier. Und immer präsent: mit ihrer ganz eigenen und sehr besonderen Edäd-Stimme rief sie lautstark, sobald sie einen potentiell kuschelbereiten Menschen sah, also soweit sie überhaupt noch mit ihrer zunehmenden Alterserblindung sehen konnte. Kam unverschämterweise niemand, stapfte sie los. Mit einem ganz eindeutigen Ziel.
Im Lauf der Zeit wurden Edäds Ziele ein bisschen uneindeutiger – eher nicht die Ziele, sondern die Wege wurden problematischer. Laufprobleme, Sehprobleme und noch unzählige Altersbaustellen. Es war irgendwann im letzten Sommer, wo sie sich nachts im Stall festgelegen hat, sich dabei noch Verletzungen zugezogen hatte. Da dachten wir schon, es seien Edäds letzte Tage angebrochen. Doch ein paar Tage später konnte sie wieder losziehen mit den anderen Schafen. Kraulbereite Leute suchen. Kekse abholen.
Es wurde Edäds letzter Sommer. In den vergangenen Winterwochen verlor sie Kraft – was bei einem Schaf mit über 15 Jahren irgendwann kommen muss. Und dann kam zur Alterung ein großes, unbekanntes Problem hinzu. Edäds Bauch nahm schmerzhafte Dimensionen an, vermutlich in Folge eines Tumors. Der Ultraschall ließ vor der Menge freier Flüssigkeit im Bauchraum keine Ursache mehr ergründen – und am Ende nur die schwerste aller Entscheidungen treffen, sie einschläfern zu lassen.
Adieu, Edäd.
21. Januar 2026



