Als Hanna vor über fünf Jahren im Land der Tiere angekommen aus unserem Transporter stieg, war es ein ganz besonderer Moment. Wir hatten sie zu Tausenden gesehen, die Zuchtsauen in den „Ferkelproduktionbetrieben“, die fixiert in Metall-Kastenständen und „Abferkelkörben“ ihr Leben verbringen mussten, zwangsbesamt wurden, Unmengen Ferkel gebaren, gebaren bis zum Tod und niemals wirklich Mutter sein konnten. Deren Kinder nie mehr als Produkte waren, schon als winzige Babys von den Müttern getrennt, um als Mastschweine ein furchtbares Leben führen mussten. Keines von Hannas Kindern konnte dem entfliehen, viele starben schon vor dem Weg zum Schlachthof, weil sie zu klein, zu schwach und krank waren – und kein Mensch sich um sie kümmerte.
Wir wussten nicht, wie Hanna reagieren würde, als wir ihre letzten drei winzigen, kranken Ferkel ihres Lebens zu ihr setzten, die wir mit ihr zusammen retten konnten. Sie hatte über 100 Ferkel geboren in ihrem Leben als „Zuchtsau 624“. Aber niemals direkten, freien Kontakt haben können zu ihren Kindern. Der „Abferkelkorb“ verhinderte immer alle Interaktion. Würde Hanna alles meistern können und richtig machen? Wir bewachten Hanna und ihre Babys die ersten Tage rund um die Uhr. Obwohl sie uns direkt zeigte, dass sie es kann: liebevolle, vorsichtige, umsichtige Mutter sein, die ihre Babys ruft, sanft anrüsselt, behütet, wärmt, stillt – und sich einfach wundervoll kümmert. Dass sie das all die Jahre davor nicht durfte, für uns nur ein furchtbarer Gedanke, für Hanna war es jahrelang schreckliche Realität. Die nun aber endlich ein Ende hatte.
Nach 100 Ferkeln, die sie nie richtig anrüsseln und kennenlernen konnte, weil sie immer eingesperrt war und sie ihr nach spätestens vier Wochen weggenommen wurden, konnte sie endlich ihre letzten drei Babys großwerden sehen, mit ihnen die Welt erkunden. Musste keine Angst mehr haben, dass aus ihnen Mastschweine werden, die schon bei ihrer Geburt zum Tod verurteilt waren. So wie Hanna als „Zuchtsau 624“ selbst, sobald ihre „Ferkelleistung“ nachlassen würde. Ihre letzten Würfe waren „nicht mehr gut genug“, der Zeitpunkt des „Aussortierens“ für Hanna war da. Doch „Zuchtsau 624“ wurde nicht zum Schlachthof geschickt, wie es „normalerweise“ geschieht, wenn die Tiere keinen Profit mehr bringen. Hanna wurde nicht auf einen Schlachttransporter verladen, sondern hatte das unfassbare Glück, in unseren Tiertransporter steigen zu können, um zu leben.
Nach allen Entbehrungen, einem Leben auf Beton und eingesperrt in Metallgestängen, war Hanna alles andere als resigniert. Mit ihrem unmuskulösen, angeschlagenen Körper ging sie einfach los, das erste Mal in Freiheit, und tat, was ein Schwein eben tun muss. Ihre ersten mutigen Freudenhüpfer auf der Wiese machen. Herumrennen mit ihren Ferkeln. Grasen. Umgraben. In der Sonne liegen. Bei ersten Badevergnügen flippte die ganze Familie kollektiv aus.
Wasser wurde – neben dem Allerwichtigsten, nämlich der Erziehung ihrer Kids – zur täglichen Notwendigkeit für Hanna. Oft stand sie einfach in einem der Badetümpel, kopfüber abgetaucht auf der Suche nach Schätzen. Kam dann ganz stolz mit einem sorgfältig ausgewählten Stein im Mund wieder an die Oberfläche. Oder sie lag wie im Wellnessbad einfach im Wasser herum, gut für ihre alten Knochen, Rüssel gerade oben raus, ein bisschen wie ein U-Boot.
Hanna lieferte uns jeden Tag neue Beweise für unsere Vermutung, dass Schweine, die wie sie immer eingesperrt waren, im Kopf trotzdem ganz Schwein sind. Wie wichtig ihnen ihre persönliche Freiheit ist. Wie wichtig ihre Familie. Freundschaften. Wie inakzeptabel, sie zu „Nutztieren“ zu degradieren.
Wir sind Hanna dankbar für die fünf Jahre, die wir mit ihr haben konnten, dabei sein konnten bei ihrem Familienleben. Ihren Teichblubbs. Ihrer Fürsorge um ihre Kinder, die längst erwachsen trotzdem immer an Mamas Seite blieben. Mit ihr das Bett teilten. Auch an den Tagen, wo es ihr nicht gut ging – Hannas Herzprobleme wurden mit der Zeit schlimmer, ihre alten Knochen machten mal mehr, mal weniger Probleme – kümmerte sich Hanna selbstverständlich um ihre Kids.
Vor ein paar Tagen fing es an, erst konnten wir noch hoffen, dass auf schlechte Tage, wo Hanna weder essen noch aufstehen wollte, wieder gute Tage folgen. Zwischendurch schaffte sie noch einen Weg raus, aß Kekse, schaute bei ihren Kids. Es war Hannas letzter Ausflug, ihre Kraft hatte so nachgelassen, ihr Körper so abgebaut, es gab keine Hoffnung mehr. Der letzte Dienst, den wir leisten konnten war, sie einschläfern zu lassen, an dem Ort, wo sie über fünf Jahre glücklich sein konnte.
Hanna wurde 9 Jahre und vier Monate alt – und wird immer hier sein.
Adieu, Hanna.
29. Juli 2026







