Nach so viel in einem Leben, was schnell hätte tödlich enden können, denkst du irgendwann: „Das Nächste schaffen wir auch noch“.
Nach 10 Jahren, die gleich damit anfingen, als wenige Tage alter Welpe ohne Mutter ausgesetzt zu werden, knapp dem Tod zu entkommen, weil zufällig gefunden und gerettet. Nach Knochenkrebsdiagnose ohne Heilungschancen viele Jahre zu überleben, mit 9 Jahren noch eine Magendrehung draufzulegen. Wir schafften entgegen aller Wahrscheinlichkeiten die schnelle, lebensrettende Notoperation. Aber gegen den Milztumor, der ihren Körper befallen hatte, hatten wir am Ende keine Chance mehr.
10 Jahre mit Muli, mit anfänglichem überdurchschnittlichen Nervenverbrauch aufgrund ihrer unfassbaren Energie und Entschlossenheit. Als sie und ihre Schwester einzogen, waren sie erst ein paar Monate alt, hatten extrem viel Quatsch im Kopf, waren rein vom Zerstörungslevel irgendwo zwischen außer Kontrolle geratener Kettensäge und Abrissbirne einzuordnen. Einen Teil ihrer Erziehung übernahm zum Glück Kater Klaus, von dem sie sich auch den respektvollen Umgang mit Schafen, Schweinen, Puten und anderen Tieren abschauen konnten. Der Kater war allerdings weit mehr als Erziehungsberechtigter: enger Vertrauter. Ganz normal, dass der Kater immer da war, wo die Hunde waren.
Muli und ihre Schwester Nica waren sich sehr verbunden – und zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Während ihre Schwester immer die ängstliche Hündin blieb, entwickelte sich Muli zur Furchtlosen. Zur Strategin. Aufpasserin, die nicht nur die Außengrenzen des Landes jederzeit zu sichern bereit war. Ihre Motivation war in jungen Jahren so hoch, dass sie ohne Mühe die Innenzäune übersprang – zum Beispiel, um einen unsympathischen Schafscherer „an die Wand zu nageln“. Mit zunehmendem Alter verfeinerte sie ihre Vorgehensweisen so weit, dass sie eindeutig und selbstverständlich unterscheiden konnte zwischen unsympathischen Leuten und zum Beispiel Handwerkern, deren Nützlichkeit ohne Zweifel war. Zum Glück, denn Muli erlebte ja alle große Baustellen mit.
Als ihre Schwester starb, brach Mulis Welt erst einmal zusammen. Der neue Hund an ihrer Seite, Filippi, kam dann leider als Krebspatient und lebte nur ein paar Monate. Als dann zwei neue „kleine Schwestern“, spanische Herdenschützerinnen wie sie, einzogen und genau so viel Quatsch im Kopf mitbrachten, wie Muli ihn als Welpe auch dabeihatte, war ihre Welt wieder in Ordnung: Carla, Oberquatschmacherin voller frischer Power, wurde ihre „Schwester auf allen Ebenen“.
Als dann alles wundervoll war, wurde Muli vor einigen Jahren krank. So krank, dass nichts mehr ging. Sie schaffte es nicht einmal mehr, alleine pinkeln zu gehen. Die vernichtende Diagnose lautete: Knochenkrebs. Und nicht mehr so lange zu warten, Muli einschläfern zu lassen. Irgendwie überlebten wir die furchtbare Zeit – und niemand dachte ans Aufgeben. Stattdessen taten wir alles, was Sinn ergab, fanden die passenden Schmerzmedikamente. Und Muli lebte fortan damit. Jahrelang gut und fröhlich. Quatsch machen, mit Carla spielen und auch die Bewachung der Außengrenzen: problemlos möglich, trotz massiver Knochenprobleme.
Zugute kam bei allen Problemen die Tatsache, dass Muli im Lauf der Zeit zu einer absolut tiefenentspannten Person wurde. Alle Behandlungen entspannt über sich ergehen ließ. Davon gab es reichlich, denn einige andere chronische Probleme hatten es längst Normalität werden lassen, dass Menschen ihr auch an eher ungünstigen Stellen herumdokterten. Vor einigen Monaten schaffte es sie dann noch, in lebensbedrohlichem Zustand entspannt in der Tierklinik aufzuschlagen, steckte die Notoperation ihrer Magendrehung locker weg. Überlebte, was so mancher junger, kerngesunder Hund nicht überlebt. Damit beförderte sie sich nochmal ein Stück weiter in den Zustand gefühlter Unsterblichkeit.
Und stand kurz darauf vor der nächsten Trauer: der Trauer um ihre „kleine Schwester“ Carla, die gerade erst fünf Jahre alt vor einigen Monaten plötzlich und ohne jede Vorankündigung starb. Was das mit Muli gemacht hat – wir haben eine Ahnung. Trotzdem probierte sie „Alltag“. So weit, dass sie sogar Lola zum Spielen aufforderte. Obwohl sie da längst schwere gesundheitliche Probleme gehabt haben muss, von denen sie uns nichts verraten hatte – zusätzlich zu den alten Problemen. Nach einiger Diagnostik wussten wir, was es war: eine extrem vergrößerte Milz, der Tumor musste schon länger gewütet haben. Von der Diagnose bis zu Mulis Tod vergingen nur ein paar Tage.
10 Jahre mit vielen Sorgen, noch viel mehr Liebe, einer mit zunehmendem Alter immer wundervoller werdenden Hündin, die vor Souveränität und Umsicht nur so strotzte, liegen hinter uns – aber bleiben für immer.
Adieu, Muli.
1. August 2026







