Knappe anderthalb Jahre blieben Saba nach ihrer spektakulären Flucht vor dem Schlachter. Sie war die Älteste der kleinen Schaffamilie, die Wochen auf der Flucht war – und am Ende wären doch beinahe alle geschlachtet worden. Stattdessen gab es dank einer engagierten Amtsveterinärin und der Tatsache, dass wir anboten, die entkommenen Schafe aufzunehmen, die glückliche Rettung für die Familie. Die dann passenderweise den Familiennamen „Die Entkommenden“ bekamen.
Ob Saba Oma und Ur- oder Ur-Uroma des jüngsten Familienmitgliedes war, haben die Schafe uns nicht verraten. Dass Saba uralt war, das war sehr offensichtlich. Was sie alles schon mitbrachte an Problemen zeigte sich nach und nach ab dem Zeitpunkt, wo sie hier Ruhe fand, sich sicher fühlte, nicht mehr im stressigen Fluchtmodus, sondern Zuhause angekommen war. Dass die uralte Saba dann sogar mit den anderen Entkommenen um die Wette Luftsprünge machte, mit den Lämmern herumrannte und alle zusammen eine Riesenfreude hatten, täuschte erst einmal über ihren gesundheitlichen Zustand hinweg.
Irgendwann wurde sie ruhiger. Wurde „manchmal sonderlich“, lief oft ohne die anderen Schafe an geheimen, entlegenen Orten herum, wo sie auf der Suche nach den leckersten Pflanzen im Land war. „Lecker“ war da so eine relative Sache. Bei Saba zum Beispiel ganz hoch im Kurs: in der Sommerhitze verdorrte Brennnesselblätter. Dafür kraxelte sie auch den höchsten Hügel hoch und runter.
Saba baute ab. Stetig. Verlor Gewicht und Muskulatur. Alle medizinische Diagnostik brachte uns nicht wirklich weiter. Eine echte Ursache als Erklärung für alles ließ sich nicht finden. Weil Saba wahrscheinlich nicht ein Problem hatte, sondern mehrere gleichzeitig. Viel mehr, als ihr unseren „Spezial-Betreuungsservice“ zukommen zu lassen, konnten wir nicht für sie tun. Den Winter verbrachte Saba mit den anderen alten und irgendwie eingeschränkten Schafen fast ausschließlich im Stall. Und wurde trotz bestem Essensservice immer noch zarter. Trotzdem lag sie zufrieden herum, unterm Rotlicht, eingepackt in ihr warmes Mäntelchen. Während ihr Körper mehr und mehr abbaute.
Tatsächlich lockten sie die ersten Frühlingssonnenstrahlen wieder nach draußen. Und sie machte ein paar letzte kleine Spaziergänge, aß hier und da ein winziges, frisches Blättchen. Wenn sie dann in der Sonne lag und einfach in die Welt schaute, fiel es ihr in den letzten Tagen immer schwerer, aufzustehen, trotz ihres Fliegengewichtes. Ihre Muskeln, ihre Knochen, alles war so wenig geworden, so fragil. Wir hatten schon häufig überlegt, ob der Zeitpunkt gekommen ist, wo wir wirklich nichts mehr für Saba tun können, als sie einschläfern zu lassen. Aber der Zeitpunkt war noch nicht da. Am Ende suchten nicht wir ihn aus. Der Tag kam jetzt. Mit einem Oberschenkelbruch, der Sabas langes Leben beendete.
Adieu, Saba.
14. April 2026



