Dolly hat nach ihrer Rettung unfassbare fünf Jahre gehabt.

Üblicherweise werden Hühner mit ihrer Geschichte nach anderthalb Jahren Ausbeutung in der Landwirtschaft zum Schlachthof transportiert. Anderthalb Jahre, in denen sie nie wirklich „leben“ konnten. Nie Huhn sein, nie draußen, nie in Ruhe sandbaden, scharren, oder neugierig durch die Gegend flitzen.

Das sollte für Dolly möglich werden. Doch erst musste sie sich erholen: Als sie im Mai 2021 zusammen mit fünf Freundinnen aus einem Elterntierbetrieb nach anderthalb Jahren Nutzung gerettet wurde, war sie in katastrophalem Zustand, psychisch wie physisch. Kaum Selbstbewusstsein, kaum Federn, dafür sehr krank.

Nach intensiver Behandlung in der Quarantäne konnten Dolly und ihre Freundinnen zum ersten Mal raus. Sie waren vorsichtig, aber neugierig. Und gierig – aufs Leben, darauf, endlich eigene Entscheidungen treffen zu können. Es war ein schöner Sommertag, als sie zum ersten Mal die Sonne und das Gras spüren konnten. Spätestens da haben die Freundinnen gemerkt, dass alles anders wird. Sie waren angekommen. Dolly hat mit den anderen ihre neue Umgebung erkundet, ihre Flügel ausgebreitet, zum ersten Mal Gras gepickt. Und die nächsten fünf Jahre nicht mehr damit aufgehört.

Nach und nach musste Dolly sich von den Freundinnen, mit denen sie zusammen gerettet wurde, verabschieden: Helene, Maria, Spooky, Grisela und Amanda sind lange vor ihr gestorben. Alleine war Dolly in der großen Hühner-Puten-Perlhühner-Enten-WG aber nie, sie war immer gut darin, neue Freundschaften zu knüpfen und Gesellschaft zu haben, wenn sie sie wollte.

Für eine ganze Weile hatte Dolly die Rolle als Chefin der Gruppe inne, sanft aber bestimmt hat sie sich durchgesetzt, ganz ihrer charmanten Persönlichkeit entsprechend. Letztes Jahr hat sie die Position dann aus Altersgründen abgegeben und andere „machen lassen“.

Wer in den letzten Jahren an einer Führung durchs Hühnergehege teilgenommen hat, ist Dolly vermutlich begegnet. Denn wenn Besuch ins Gehege kam, war erst mal zweitrangig, ob Äpfel oder andere Leckereien mitgeführt wurden: Dolly kam angerast. Ließ links liegen, wo sie grad war, weil verpassen wollte sie nichts.

Sie hat die ersten anderthalb Jahre ihres Lebens verpasst, weil Menschen sie für das Legen befruchteter Eier, aus denen Legehennen schlüpfen sollten, ausgebeutet haben. Nach ihrer Rettung wollte Dolly nie wieder was verpassen, sondern alles mitnehmen, was irgendwie ging. Jeder Tag wurde genutzt.

Als es ihr dann vor kurzem plötzlich sehr schlecht ging, wir mit ihr beim Tierarzt waren, haben wir mit dem Schlimmsten gerechnet. Aber die Behandlung schien anzuschlagen, Dolly hat sich nochmal aufgerappelt und alles mitgenommen, wenn auch nicht mit ihrer vorherigen Power. Dolly wollte nicht aufgeben.

Selbst an ihrem letzten Tag.

Sie war draußen unterwegs, machte ihre Runden, alles schien wie immer. Und doch war abends alles anders. Wir fanden Dolly in ihrem Zimmer, sie starb in ihrem Zuhause. Ihr Körper, die Zucht auf eine hohe Legeleistung, ein menschengemachtes Leid, das sie letztendlich eingeholt hat.

Adieu, Dolly.

15. Juni 2026

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