Kein Morgen ohne ihre Kommentare und „Streusack-Faxen“.
Während die anderen Hühner es morgens kaum erwarten konnten, nach draußen auf Entdeckungstour zu gehen, blieb die gelbe Frau Lehmann im Hühnerzimmer. Immer. Sie wartete, bis die Tierversorgungsmenschen endlich kamen um das Zimmer zu putzen. Denn dann brauchten sie früher oder später ihren geliebten „Streusack“. Wenn es ihr mal nicht schnell genug ging, bis der endlich zum Einsatz kam, wurde lauthals gemeckert. Sobald der Sack dann aufgemacht wurde, gab es kein Halten mehr für die gelbe Frau Lehmann. Egal ob über den Tisch, Stuhl, Holzklotz – sie fand immer einen Weg, in den Streusack zu springen und dort zu scharren. Es war ihr morgendliches Ritual.
Frech, gesprächig, äußerst neugierig – so war die gelbe Frau Lehmann. Dass sie je so mutig werden würde, war lange nicht absehbar. Bei ihrem Einzug im Januar 2023 waren die gelbe Frau Lehmann und ihre Freundinnen schwer krank, kein Wunder, bei den Lebensbedingungen vor ihrer Rettung. Ihr Leben als „Legehenne“ in Käfighaltung ließ sie körperlich und seelisch kaputt zurück. Doch die Lehmanns erholten sich im Land der Tiere, tankten Kraft und Mut.
Wir konnten die Lebensbedingungen ändern, aber nicht ihre Zucht. Und die Folgen davon.
Von den sechs Lehmanns, die damals bei uns eingezogen sind, lebt heute noch eine. Die ehemals rote, jetzt unberingte, ist die letzte Frau Lehmann. Die gelbe Frau Lehmann war lange Zeit fit, so „fit“ ein Huhn mit ihrer Geschichte und ihrer Zucht sein kann. Als sie ruhiger wurde, haben wir sie medizinisch behandelt, aber es war zu spät. Sie ist nachts in ihrem Zimmer gestorben.
Es ist kein Trost, aber mit viereinhalb Jahren ist die gelbe Frau Lehmann beinahe „alt“ geworden für ein Huhn, dessen Körper auf „Effizienz und Produktivität“ gezüchtet wurde. Für die Industrie war sie besonders schmal mit maximaler „Legeleistung“. Für uns war sie die gelbe Frau Lehmann, deren Morgen unbedingt mit einem Ausflug in den Streusack starten musste, die einfach nur ihr Leben in ihrem Garten, mit ihren Freundinnen, gelegentlichen Apfelsnacks und wärmenden Sonnenbädern führen wollte. Und es zum Glück bis zuletzt auch so führen konnte.
Adieu, gelbe Frau Lehmann.
1. Dezember 2025



