Liebevolle Erinnerungen

An dieser Stelle möchten wir unserer ehemaligen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner gedenken. Danke, dass wir euch ein Stück eures Weges begleiten durften. Wir werden die Erinnerung an euch immer in unseren Herzen tragen.

Puter Georg im Land der Tiere, einem Lebenshof für ehemalige "Nutztiere" in Mecklenburg-Vorpommern, idyllisch gelegen im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe zwischen Hamburg und Berlin

Carla

Es fühlt sich völlig irreal an. Carla, unsere Oberquatschmacherin mit ihrer 50-Kilo-Oberenergie, ist tot.

Sie war so unvorbereitet wie alle um sie herum und hatte überhaupt keine Zeit, ihren eigenen Tod zu bemerken. Sie schlief ganz tiefenentspannt und bequem auf ihrer Couch. So fanden wir sie dann auch. In der Nacht muss ihr Herz versagt haben, ohne jede Vorankündigung.

Als wir vor 5 Jahren den Platz an Hündin Mulis Seite, die nach dem Tod ihrer Schwester so trauerte, neu belegen wollten, suchten wir eigentlich nicht Carla aus. Sondern ihre Schwester Lola, die aufgrund ihrer Knochenproblematik und Rasse kaum eine reelle Chance hatte, irgendwo einen Platz zu finden. Die „Prophezeiung“ war, Lola würde wahrscheinlich nicht erwachsen werden können mit diesen Knochen. Bzw. denen, die nicht so richtig vorhanden waren. Doch Lola war nicht alleine. Sie war zusammen mit ihrer Schwester in einer Einkaufstasche ausgesetzt worden. Die beiden waren da grade ein paar Tage alt. Hatten nichts außer sich und der Tierschützerin, die sie per Hand aufzog. Für uns war sofort klar: wir würden uns nicht für die Aufnahme von Lola entscheiden können. Wenn dann kam nur in Frage, beide zu nehmen. Ab dem Tag war irgendwie in unseren Köpfen, dass Carla diejenige sein würde, die ihre Schwester und auch die alte Muli überleben würde.

Carla kam mit unglaublicher Energie. Bisweilen waren sie und ihre Schwester wie außer Kontrolle geratene Kettensägen. Initiatorin allen Kettensägenquatsches: immer Carla. Während Lola wahrscheinlich oft genug genervt war von ihrer übersprudelnden Schwester, die ihr täglich die Backen langzog bei den wilden Spielen der beiden, war Muli extrem begeistert von ihrer „neuen kleinen blonden Schwester“. Carla liebte Muli. Das beruhte absolut auf Gegenseitigkeit. Kein Tag, an dem die beiden nicht miteinander spielten. Zusammen die „Außengrenzen sicherten“, egal ob gegen landwirtschaftliche Maschinen oder Füchse. Lola spielte da eher eine Nebenrolle. Außer sie und Carla standen auf dem Wall am Zaun – und heulten um die Wette wie Wölfe. Nicht nur jeden Samstag um 12 beim Dorfsirenentest.

Irgendwann war klar: die schlimmen Prophezeiungen um Lola waren ebenso unwahr wie Mulis vorhergesagter baldiger Tod nach ihrer Knochenkrebsdiagnose von einigen Jahren. Und alles war gut. Carlas Leben perfekt und glücklich. Und das von Lola und Muli auch. Auch wenn sich die beiden wahrscheinlich oft genug gefragt haben, woher Carla diese unfassbare Energie nimmt. Und warum diese Hündin irgendwie immer verschmitzt lächelt und irgendwelchen Quatsch im Kopf hat.

Wir hätten mit allem gerechnet. Aber niemals damit, Carla, die nie krank war, grade fünf Jahre alt, eines morgens tot auf der Couch zu finden – mit ihrem Lächeln.

Adieu, Carla.

Fiffi

Beim Thema „Qualzucht“ denken die meisten Menschen zuerst an Tiere wie Möpse oder Bulldoggen, die mit ihren runden Schädeln, Glubschaugen und kurzen Nasen unter Atemnot und anderen extremen zuchtbedingten Erkrankungen leiden. Kaum jemand denkt an Kaninchen. Nicht an die überzüchteten Zwerge und Widder, die unter vielen Problemen leiden, erst Recht nicht an die Riesen, die alleine zu dem Zweck gezüchtet wurden, möglichst viel Fleisch „zu produzieren“. Kaninchen wie Fiffi, die sechs Kilo oder mehr wiegen, deren Körperbau viel zu lang, viel zu schwer ist. Wen interessiert es auch, dass die Tiere fast alle irgendwann unter Arthrosen und Rückenproblemen leiden – denn in der Regel werden solche Kaninchen nach ein paar Wochen oder Monaten sowieso geschlachtet.

Fiffi wurde vor fünf Jahren in einer dieser „typischen“ gammeligen Kaninchenmastbuchten geboren. „Als Nahrungsmittel“. Dass weder sie noch ihre Brüder noch ihre Mutter oder sonst jemand von der Familie geschlachtet wurden, hatte die Kaninchenfamilie dem Umstand zu verdanken, dass ihr alter „Besitzer“ ins Krankenhaus kam. Erst einmal kümmerte sich die Hausverwaltung um die Versorgung der Tiere vor Ort. Die war es auch, die uns kontaktierte als klar war, dass der Kaninchenzüchter nicht mehr nach Hause kommen würde. Fiffi, ihre Brüder, großen Geschwister, Mama, Papa, Oma: alle zogen ins Land der Tiere ein. Fiffi war noch ein Baby.

Aus Fiffi wurde eine Riesin – eine, die in der Kaninchenfamilie mit dafür verantwortlich war, den Ton anzugeben. Eine, die in jeden Tag mit ganz viel Energie startete, ihre Freiheit draußen genoss und tat, was ein Kaninchen tun muss: Rennen, Buddeln, Verstecken, Grasen, Hoppeln, Aussicht genießen, Quatsch machen mit den Brüdern, genauso chillen, kuscheln, ganz eng mit den anderen sein. Auch zu ihrer Mutter behielt sie immer ein sehr enges, liebevolles Verhältnis. Bis zu deren Tod. Bei Fiffis Mama Helga fing es irgendwann an, nachdem es schon bei ihrem Vater so kam, wie es oft bei älteren Riesenkaninchen passiert: irgendwann macht der Rücken nicht mehr mit. Eine Zeit lang kommen solche Kaninchen mit Schmerztherapie noch klar, können ihr Leben genießen. Irgendwann kommt leider der Tag, wo nichts mehr geht, die Hinterbeine ihren Dienst versagen.

So wie jetzt auch bei Fiffi. Am Ende konnten wir nichts mehr für sie tun, als sie einschläfern zu lassen. Mit fünf Jahren hatte sie für eine Riesin ein „langes Leben“ – und ein wundervolles, freies Leben.

Adieu, Fiffi.

Saba

Knappe anderthalb Jahre blieben Saba nach ihrer spektakulären Flucht vor dem Schlachter. Sie war die Älteste der kleinen Schaffamilie, die Wochen auf der Flucht war – und am Ende wären doch beinahe alle geschlachtet worden. Stattdessen gab es dank einer engagierten Amtsveterinärin und der Tatsache, dass wir anboten, die entkommenen Schafe aufzunehmen, die glückliche Rettung für die Familie. Die dann passenderweise den Familiennamen „Die Entkommenden“ bekamen.

Ob Saba Oma und Ur- oder Ur-Uroma des jüngsten Familienmitgliedes war, haben die Schafe uns nicht verraten. Dass Saba uralt war, das war sehr offensichtlich. Was sie alles schon mitbrachte an Problemen zeigte sich nach und nach ab dem Zeitpunkt, wo sie hier Ruhe fand, sich sicher fühlte, nicht mehr im stressigen Fluchtmodus, sondern Zuhause angekommen war. Dass die uralte Saba dann sogar mit den anderen Entkommenen um die Wette Luftsprünge machte, mit den Lämmern herumrannte und alle zusammen eine Riesenfreude hatten, täuschte erst einmal über ihren gesundheitlichen Zustand hinweg.

Irgendwann wurde sie ruhiger. Wurde „manchmal sonderlich“, lief oft ohne die anderen Schafe an geheimen, entlegenen Orten herum, wo sie auf der Suche nach den leckersten Pflanzen im Land war. „Lecker“ war da so eine relative Sache. Bei Saba zum Beispiel ganz hoch im Kurs: in der Sommerhitze verdorrte Brennnesselblätter. Dafür kraxelte sie auch den höchsten Hügel hoch und runter.

Saba baute ab. Stetig. Verlor Gewicht und Muskulatur. Alle medizinische Diagnostik brachte uns nicht wirklich weiter. Eine echte Ursache als Erklärung für alles ließ sich nicht finden. Weil Saba wahrscheinlich nicht ein Problem hatte, sondern mehrere gleichzeitig. Viel mehr, als ihr unseren „Spezial-Betreuungsservice“ zukommen zu lassen, konnten wir nicht für sie tun. Den Winter verbrachte Saba mit den anderen alten und irgendwie eingeschränkten Schafen fast ausschließlich im Stall. Und wurde trotz bestem Essensservice immer noch zarter. Trotzdem lag sie zufrieden herum, unterm Rotlicht, eingepackt in ihr warmes Mäntelchen. Während ihr Körper mehr und mehr abbaute.

Tatsächlich lockten sie die ersten Frühlingssonnenstrahlen wieder nach draußen. Und sie machte ein paar letzte kleine Spaziergänge, aß hier und da ein winziges, frisches Blättchen. Wenn sie dann in der Sonne lag und einfach in die Welt schaute, fiel es ihr in den letzten Tagen immer schwerer, aufzustehen, trotz ihres Fliegengewichtes. Ihre Muskeln, ihre Knochen, alles war so wenig geworden, so fragil. Wir hatten schon häufig überlegt, ob der Zeitpunkt gekommen ist, wo wir wirklich nichts mehr für Saba tun können, als sie einschläfern zu lassen. Aber der Zeitpunkt war noch nicht da. Am Ende suchten nicht wir ihn aus. Der Tag kam jetzt. Mit einem Oberschenkelbruch, der Sabas langes Leben beendete.

Adieu, Saba.

Sina

Für Sina ging es nach dem letzten Winter nur noch darum, eine kleine letzte Zeit draußen in der Frühlingssonne liegen zu können.

Sina hatte kürzlich ihren 14. Geburtstag. Geistig noch absolut fit, jede Aufmerksamkeit, jedes Essen, jede Streicheleinheit genießend. Aber ihr alter Körper machte ihr schon lange zu schaffen. Nach einem Bänderriss im Knie, der zu ihrer Arthrose in diversen Gelenken dazu kam, wurde sie zunehmend immobiler, benötigte oft bzw. immer Aufstehhilfe.

Die sehr kalte Zeit hat sie ausschließlich im Stall verbracht. Und immer wieder dachten wir, sie hat nie wieder so einen schönen Tag, an dem sie einfach draußen zwischen den anderen Schafen in der Sonne liegen kann. Machten gedanklich alle paar Tage einen letzten Tierarzttermin für sie. Aber Sina resignierte nicht. Wir auch nicht, stellten noch einmal ihre Schmerztherapie um. Und nach Wochen im Stall schaffte sie es selbstbestimmt tatsächlich nach draußen. Konnte sogar ein Stück weit mit den anderen Schafen spazieren gehen. Freie Entscheidungen treffen, die ihr Körper ihr vor kurzer Zeit nicht möglich machte. Einfach in der Sonne liegen, schauen, Sina sein.

Sina wurde vor 14 Jahren als „Versuchstier“ geboren. War sechs Jahre lang „Laborschaf“. Als sie nicht mehr benötigt wurde, wäre ihr Leben eigentlich vorbei gewesen – ohne jemals ein echtes Leben gehabt zu haben. Seit ihrer Rettung hat sie viel erlebt, Freundschaften geschlossen, ihre Tochter wiedergefunden, enge Bindungen zu ihren Menschen aufgebaut. Das selbstbestimmte Leben mit den anderen Schafen genossen. Und genau gewusst, wie sie uns alle erwischt. Wer nicht unaufgefordert reagierte und sie streichelte oder ihr heimlich einen Keks zusteckte, bekam Sinas eindeutiges Zeichen: ein paar gut gezielte, freundlich-auffordernde Tritte gegens Knie – und Sina bekam, was sie wollte.

Dass Sinas Lebenszeit nicht mehr lang sein würde, war seit Monaten klar. Umso wichtiger jede gute Zeit, die sie mit unserer Hilfe noch haben konnte, auch wenn es am Ende nur noch eine kleine Frühlingszeit war. Der Tag musste kommen, wo Sina uns eindeutig zeigen würde, dass es Zeit für ihren Abschied war.

Adieu, Sina.

Fritzi

Fritzi wurde vor 16 Jahren bei einem „Rasseschafzüchter“ geboren. Einem älteren Menschen, der verschiedenste „seltene“ und „vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen“ züchtete – um sie zu nutzen. Irgendwann wurde er krank – und hatte viel zu viele Schafe, um sie noch versorgen zu können. „Bestandsreduktion“ heißt in solchen Fällen die „Lösung“ – eine Lösung, die keine ist, denn in der Regel heißt das: die „überzähligen“ Tiere werden geschlachtet. Die Schafe hatten Glück: Eine Nachbarin, die sich schon länger um die Tiere kümmerte, hätte das niemals zugelassen. Doch dafür brauchte sie: Lebensplätze.

Als sie bei uns anfragte, gab es erst wenige Schafe im Land der Tiere. Wir sagten sechs Lebensplätze zu. Drei Mütter mit ihren Töchtern kamen zu uns. Eine der Älteren, sie war fünf oder ein bisschen mehr: Fritzi. Ihr Name bekam schnell einen Zusatz: „die wundervolle Fritzi“. Längst nicht nur wegen ihrer unfassbar samtigen Nase, die wir irgendwann anfassen durften, als sie uns vertraute.

Fritzi teilte sich mit der weisen Trudi, der Ältesten ihrer Gruppe, die Aufsicht über alle. Und war unbestechlich. Ihr Vertrauen konnte man nicht einfach so gewinnen. Dass sie erst misstraute, wen wundert es, ihr Leben lang hatte sie zusehen müssen, wie die Lämmer, die sie bekommen hatte, ihr weggenommen wurden. Verkauft, geschlachtet. Das war mit ihrem Einzug ins Land der Tiere endlich vorbei. Auch wenn es erst so aussah, als hätte sie keine sehr starke Bindung zu ihrer Tochter Fanta, die mit ihr einzog. Doch wenn man genau hinschaute, die beiden waren immer zusammen. Nicht Po an Po, aber immer in den Augen. Noch näher kamen sie sich, als die körperlichen Probleme beider im Lauf der Jahre stärker wurden.

Fanta machte den Anfang mit einem Schulterproblem. Fritzi war da noch gut zu Fuß. Mit den Jahren fing es dann an, erst Arthroseprobleme, und dann ein Kreuzbandriss im Knie, aber Fritzi kämpfte sich wieder auf die Beine. Sie und ihre Tochter waren dauerhafte Schmerzmittelpatientinnen, und lange Zeit hielt es Fritzi so mobil, dass sie mit den anderen Schafen mitziehen konnte. Seit ihrem letzten Sommer hat sie es dann vernünftigerweise vorgezogen, keine weiten Wege mehr zu machen. Sondern stattdessen, immer zusammen mit ihrer Tochter, in Stallnähe zu bleiben, zu warten, auf die anderen Schafe, auf Extra-Essen, auf Medikamente – und auf Streicheleinheiten. Die konnten eigentlich nicht ausgiebig genug sein.

Jetzt im Winter baute Fritzi merklich ab. Verlor weiter an Mobilität. Auch wenn es bei einem 16-jährigen Schaf an ein Wunder gegrenzt hätte, dass Fritzi noch einen schönen Sommer haben könnte, sie und wir hatten ein bisschen die Hoffnung. Als Fritzi ihre verlor, weil ihr alter Körper kapitulierte, konnten wir nichts mehr für sie tun, außer ein letztes Mal ihren Tierarzt zu rufen.

Adieu, Fritzi.

Robinson

Bevor er zu uns kam, lebte Robinson über vier Jahre als „Zuchtbock“. Alleine bis auf die kurzen Momente, die er zwecks Nachwuchsproduktion zu einer Häsin gesetzt wurde. Er war das letzte überlebende Kaninchen einer privaten „Mastkaninchenzucht“ – alle anderen waren bereits in der Kühltruhe. Warum sein Besitzer bei ihm plötzlich zögerte, eine Möglichkeit suchte, ihn nicht zu schlachten, uns fragte, ob wir ihn aufnehmen? Vielleicht waren die Kinder dagegen, dass er stirbt – oder ihn hat irgendwann am Ende einfach das Gefühl überkommen, dass es nicht okay wäre, ihn zu töten.

Robinson war biologisch ziemlich alt, als er kam. Hatte nichts von seinem Leben gehabt bis dahin, nie Gefährten zum Kuscheln, Putzen – und draußen Herumlaufen. Als es so weit war, ihn anderen Kaninchen vorstellen zu können, gab es nur zwei, von denen vorstellbar war, dass sie zu ihm passen: die freche Karotti und der immer nur liebe Herr Lilli. Wer jemals Kaninchen vergesellschaftet hat weiß, dass es ziemlich normal ist, dass erst einmal die Fetzen fliegen. Nicht bei Robinson. Der wurde nicht gejagt und geflust, sondern geputzt von den beiden anderen. Ausgiebigst. Und Robinson wäre nie auf die Idee gekommen, jemand anderen zu Flusen oder zu Jagen.

Wenn Robinson Herr Lilli putzte, und das tat er nachdem Karotti irgendwann starb noch mehr als zuvor sowieso schon, wackelte die kleine Hautfalte unter seinem Kinn immer hin und her. Herr Lilli putzte auch die regelmäßig mit. Die beiden waren das, was man „ein Herz und eine Seele“ nennt, einer ohne den anderen undenkbar. Auch wenn sie draußen im Garten natürlich schon auch ihre getrennten Wege gingen, weil einer lieber unterm Baum im Schatten döste, während der andere versuchte, bei den Perlhühnern ein paar Körner zu mopsen.

Robinsons Körper alterte. Robinson wurde blind. Der Rücken wollte nicht so, wie er sollte. Und auch geistig ließ alles ein bisschen nach. Trotzdem bestand er darauf, sein Ding zu machen, draußen herumzuhoppeln, im Sand zu liegen, zu grasen. Und mit Herr Lilli zu kuscheln, ganz wichtig. Bei Medikamentengaben und notwendigen Behandlungen mussten wir immer ein bisschen kreativ sein, denn so sehr er es liebte, engsten Körperkontakt mit Herr Lilli zu haben, so sehr hasste er es, von Menschen angefasst zu werden. Manchmal warf er uns auch einfach aus dem Haus, so wie die kleine silberne Medikamentenschüssel, in der wir ihm seine Medikamente versteckten. Da half dann nur: Geduld.
Drei Jahre mit Herr Lilli blieben Robinson. Drei Jahre tiefster Zuneigung. Drei Jahre echtes Kaninchenleben.

Adieu, Robinson.

Nils

Das Land der Tiere hatte noch nicht viele Bewohner*innen, als Nils mit Freundin Marit einzog. Es war Weihnachten 2017. Und die beiden ein eingespieltes Team. Charakterlich gänzlich verschieden ergänzten sie sich wundervoll, die ruhige Marit und der immer extrem aufmerksame Nils, der seine Augen überall hatte. Niemand wusste, wieviel Lebenszeit sie schon miteinander verbracht hatten.

Nils und Marit zogen erst einmal ins alte Wachhäuschen ein. Einen Schwimmteich gab es dort nicht. Also war klar: wir brauchen einen Gänseteich. Und ein Haus mit Gänsegarten. Was sie vorher schon bekamen war eine kleine Freundin in Gestalt eines Huhns. Die drei waren unzertrennlich. Nils und Marit bekamen ihr dann ihr Haus, bzw. einen Teilbereich von Haus #1, als es fertig war. Mit Teich. Und noch zwei Gänse als Gesellschaft, mit denen sie den neuen Teich anbadeten – und glücklich waren.

Zwischen dem als eher unfreundlich verrufenen großem Ganter Toni und Nils entwickelte sich schnell eine tiefe Freundschaft. Egal wie übellaunig Toni war: Nils fand ihn toll. Schnatterte zusammen mit ihm rum. Wenn es darum ging, Menschen aus dem Garten zu vertreiben, ließ Nils Toni machen. Hielt sich höflich an Tonis Seite zurück, unterstützte lediglich laut vertonend. Oder feuerte er Toni an, weil er selbst nur zu nett war? Fanden wir nie heraus.

Irgendwie verging Jahr und Jahr, mit badenden, glücklichen, schnatternden Gänsen. Toni zuliebe, damit er mehr Ruhe vor Menschen haben konnte, bauten wir dann noch einen neuen Gänseteich hinter Haus #2, wo die Gänsebande dann nach der Fertigstellung des Hauses hinzog. Eine gute Entscheidung, denn sie hatten einfach kein Interesse daran, jeden Sonntag zu den Besuchszeiten fremde Menschen auch nur in der Nähe ihres Gartens zu sehen. Alles wurde viel entspannter. Und vertraute Menschen durften auch einfach dastehen und Nils und den anderen bei ihrem Tun zuschauen. Ihren Badeakrobatiken, Fluglotsen-Flügelschlägen, wenn es wieder an Land ging.

Schon lange rechnen wir damit, dass Marit irgendwann stirbt. Ihre vor Jahren diagnostizierte Fettleber ist unbehandelbar. Und jetzt hat Marit den kernigen Nils überlebt. Ohne jede Vorankündigung starb Nils in der Nacht, etwas mehr als acht Jahre nach seiner Ankunft im Land der Tiere.

Adieu, Nils.

Heinrich & Milky

Niemals mehr einen Käfig von innen sehen müssen, das war das Versprechen, was wir ihnen gegeben haben, als wir sie im Sommer aus diesem furchtbaren kleinen Stall holten. Das haben wir gehalten – und es wurden schöne Meerschweinchenmonate, wo kleine Meerschweinchenkids im Kreis ihrer Familie leben konnten, Quatsch machen konnten, herumhüpfen mit den anderen, in ihrem Zimmer herumflitzen und sich am Salatbuffet vergnügen, alles unter den wachsamen Augen der Älteren. Wir hätten ihnen ein langes Leben gewünscht, doch nun sind innerhalb weniger Tage gleich zwei von den Palettenmeerschweinchen gestorben

Heinrich war von Anfang an ein bisschen von Pech verfolgt. Bei seiner Kastration gab es Komplikationen, er wurde für einige Wochen Patient mit täglichen Medikamentengaben, Wundreinigungen und andere Notwendigkeiten. Zum Glück trat recht schnell so etwas wie Gewöhnung bei ihm ein, so dass er trotz der Eingriffe in sein tägliches Leben durch uns seine gute Laune nicht verlor. Als alles wieder gut verheilt war, war Heinrich nicht anders als die anderen Kids: frech, aktiv, gut gelaunt. Aber irgendwie bleib er vom Wachstum zurück hinter den anderen. Dann wurde er wieder Patient: mit schweren Lungengeräuschen. Unter tierärztlicher Behandlung verbesserte sich sein Zustand trotz aller Bemühungen nicht und es gab nichts mehr, was wir für ihn tun konnten.

Der Tod seiner Schwester oder Tante oder Cousine kam gänzlich unvorbereitet. Milky sah super aus, war vom Verhalten völlig unauffällig und nie sichtbar krank. Sie starb nachts im Kreis ihrer Familie.

Seit einiger Zeit ist klar, dass die älteste der Palettenschweinchen herzkrank ist. Miss Sophie ist ihr Name – und sie ist sozusagen „die Mutter aller Palettenschweinchen“, aber längst nicht wirklich „alt“. Natürlich kann es sein, dass sie ihren Kindern und Enkeln etwas mitgegeben hat, was deren Leben verkürzt, noch dazu sind sie alle solche, die man „Inzuchttiere“ nennt, ihre Versorgung war bei ihren ehemaligen Besitzern obendrauf noch katastrophal.

Auch wenn das Leben von Heinrich und Milky leider viel zu kurz war: wir sind froh, dass sie noch erleben konnten, dass Meerschweinchen nicht in Käfige gehören und Familientiere mit engen Beziehungen sind, die ihre Freiheiten genießen.

Adieu, Heinrich und Milky.

Wendy

Die ersten vier Monate ihres Lebens verbrachte sie in einer großen, tristen und verdreckten Halle. Zwischen tausenden männlichen Putern, die noch viel schneller wuchsen als sie und die anderen weiblichen Puten, die wie sie falsch „gesext“ worden waren und in dieser Putenhähnemastanlage gelandet sind.

Wegen ihres besonders schnellen Wachstums werden in Deutschland fast nur männliche Puten gemästet. Weibliche Puten, die versehentlich in einer Mastanlage landen, haben wenig Chancen, bis zum Mastende zu überleben. Und wenn sie doch bis zum Schlachthof transportiert werden, sind die Anlagen dort auf die viel schwereren und größeren Körper der männlichen Puter ausgerichtet. Was das für die weiblichen bedeutet, ersparen wir euch.

Wendy blieb das auch erspart. Sie hatte das riesige Glück, an Thanksgiving 2023 zusammen mit ihrer Freundin Ashley von Tierrechtsaktivistinnen in der Halle zwischen all den männlichen Puten gesehen und gerettet zu werden. Beide zogen ins Land der Tiere.

Bei ihrer Ankunft waren Wendy und Ashley extrem ängstlich, krank, resigniert, ihre Schnäbel schlimm kupiert. Das „Ängstliche“ hatten sie nach einer Weile abgelegt, tauten langsam auf. Die lange Liste an mitgebrachten Krankheiten behandelten wir, soweit möglich. An ihren Schnäbeln konnten wir nichts ändern.

Nach einem Monat konnten sie umziehen, mit ihren neuen Mitbewohner*innen und Cosma haben sie sich gleich gut verstanden. Und dann ging es für die beiden endlich nach draußen: Dass an ihrem ersten Tag draußen Schnee lag, war Wendy und Ashley völlig egal. Sie fanden es alles spannend. Waren zum ersten Mal in ihrem Leben richtig draußen, haben zum ersten Mal den Himmel nicht hinter einem Fenster gesehen, sondern einfach so, über ihnen. Während sie drinnen immer noch eher vorsichtig waren, sind sie draußen direkt mutig losgezogen. Kein Zögern, nichts. Sie waren angekommen.

Wendy konnte im Land der Tiere so selbstbestimmt wie möglich leben. Neugierig sein, Sandbäder nehmen, im Gras picken, die besten und leckersten Essensstellen entdecken, auf der Wiese dösen, gemeinsam mit ihren Freund*innen durch ihren Garten spazieren. Schimpfen, wenn ihr danach war. Mit der Nachbarin streiten. Und natürlich stets alles und alle im Blick haben: Wendy hat immer aufgepasst. Sie war die ruhigere in der Gruppe, hat gerne erst mal beobachtet und blieb lieber etwas im Hintergrund.

Dann kamen die Atemprobleme, ganz plötzlich. Die sofortige Notfallbehandlung brachte kurz Besserung, die Atmung fiel leichter, doch dann der Rückschlag. Wendy baute während der tierärztlichen Behandlung innerhalb von wenigen Tagen extrem ab. Doch alles konnte ihr nicht mehr helfen.

Adieu, Wendy.

Edäd

Und dann war sie da. Mit ihrer Zwiebackfigur, ihren Katastrophenfüßen und ihrer großen Liebe für uns alle: Edäd. Jemand, an dem man nicht vorbeikommt, ohne zu kuscheln oder mindestens einen Keks zu verlieren. Beim Kuscheln wedelte sie mit ihrem Schwänzchen wie ein Lamm bei seiner Mutter. Damit und mit ihrer weichen grauen Nase, die sie in die Menschen versenkte, hat sie alle gekriegt. Viele viele unserer Gäste bei den Besuchszeiten. Uns sowieso. Ab dem ersten Tag.

Als Edäd kam meinten manche, dieser schräge Name, den ihre Menschen ihr gegeben hatten, könne unmöglich bleiben. Andere, dass es keinen anderen Namen gäbe, der besser zu ihr passt. Edäd lebte 12 Jahre lang zusammen mit ihrer Mutter. Bis diese starb und Edäd alleine zurückblieb – das Schlimmste, was einem Schaf passieren kann. Trotz aller Liebe zu Menschen: Schafe brauchen Schaf-Vertraute. Edäds Menschen liebten sie auch, suchten dann einen Platz für sie, damit sie glücklich noch älter werden und unter Schafen sein könnte. Edäd war „mehr als alt“, als sie kam. Und eine gesundheitliche Katastrophe, was ihre Menschen trotz aller Liebe überhaupt nicht bemerkt hatten.

Nicht nur ihre Figur und ihr Übergewicht, vor allem ihre Füße und das Klauenproblem waren schlimm: die krummsten Füße, die wir je bei einem Schaf gesehen haben. Das Horn ihrer hinteren Füße kringelte sich bei ihrer Ankunft viele Zentimeter lang in verschiedene Richtungen nach oben und seitwärts. Die erste Behandlung musste Edäd gleich nach ihrem Einzug über sich ergehen lassen, wie viele weitere folgten dann, wir können es nicht mehr zählen. Die Fehlstellung ihrer Füße blieb und war nicht mehr zu beheben. So lief sie dann, wie sie lief, mit ihren krummen Beinen und Klauen und ihrer Zwiebackfigur, war wunderschön, so wie sie war – und ein unfassbar süßes, nettes, altes Kuschelschäfchen.

Edäd stellte sich hier angekommen mit ihrer Zwiebackfigur und ihren krummen Füßen zwischen die anderen Schafe und sagte „Bin ich gut oder bin ich gut?“, versprühte ruckzuck überall eine Portion Liebe – und niemand hätte es gewagt zu behaupten, dass man ihrem Charme wiederstehen kann. Auch nicht die Schafe, von denen wir es am wenigsten erwartet hätten. Sie zog dann einfach mit ihnen los als ob es so hätte sein sollen und war ab Tag 1 zuhause hier. Und immer präsent: mit ihrer ganz eigenen und sehr besonderen Edäd-Stimme rief sie lautstark, sobald sie einen potentiell kuschelbereiten Menschen sah, also soweit sie überhaupt noch mit ihrer zunehmenden Alterserblindung sehen konnte. Kam unverschämterweise niemand, stapfte sie los. Mit einem ganz eindeutigen Ziel.

Im Lauf der Zeit wurden Edäds Ziele ein bisschen uneindeutiger – eher nicht die Ziele, sondern die Wege wurden problematischer. Laufprobleme, Sehprobleme und noch unzählige Altersbaustellen. Es war irgendwann im letzten Sommer, wo sie sich nachts im Stall festgelegen hat, sich dabei noch Verletzungen zugezogen hatte. Da dachten wir schon, es seien Edäds letzte Tage angebrochen.  Doch ein paar Tage später konnte sie wieder losziehen mit den anderen Schafen. Kraulbereite Leute suchen. Kekse abholen.

Es wurde Edäds letzter Sommer. In den vergangenen Winterwochen verlor sie Kraft – was bei einem Schaf mit über 15 Jahren irgendwann kommen muss. Und dann kam zur Alterung ein großes, unbekanntes Problem hinzu. Edäds Bauch nahm schmerzhafte Dimensionen an, vermutlich in Folge eines Tumors. Der Ultraschall ließ vor der Menge freier Flüssigkeit im Bauchraum keine Ursache mehr ergründen – und am Ende nur die schwerste aller Entscheidungen treffen, sie einschläfern zu lassen.

Adieu, Edäd.

Jojo

Einige Tage zuvor war Jojos Schwester Mamalena unerwartet und ohne Ankündigung gestorben. Seine Schwester, die zusammen mit ihm und einem Bruder, ihrem gemeinsamen Vater und ihren beiden erst ein paar Tage alten Babys am Heiligabend drei Jahre davor eingezogen war. Eine kleine Meerschweinchenfamilie, spontan gerettet, nachdem sie am 24.12. „zu verschenken“ in den Kleinanzeigen stand. Da es den „Besitzern“ sehr egal war, was aus den Tieren werden würde, sie auch Tiere einzeln verschenken wollten, „Hauptsache weg damit“, war klar, dass wir das verhindern mussten.

Die Wege von Jojo und seiner Schwester Mamalena trennten sich bei ihrem Einzug ins Land der Tiere – zwangsläufig, denn weitere Kinder sollte die kleine Familie ja nicht mehr produzieren. Während Jojos Schwester mit ihren Babys nach der Quarantänezeit in die große Meerschweinchengruppe einzog, blieben er und sein Bruder mit ihrem Vater zusammen. Irgendwann drei Monate später nach der Kastrationsquarantäne der Jungs wollten wir die kleine Familie wieder zusammenführen. Untereinander waren die Jungs super nett miteinander, angekommen in der großen Gruppe war schnell klar, dass aus der Familienzusammenführung nichts mehr werden würde. Die Jungs benahmen sich „wie die Axt im Wald“.

Der Gruppe waren sie nicht zuzumuten, der Vergesellschaftungsversuch scheiterte. Und auch untereinander zofften sich die Weihnachtsschweinchen-Jungs, sobald sie ein anderes Meerschweinchen erblickten. Das hörte zum Glück dann auch sofort wieder auf, als sie wieder zu dritt waren. Ab da hatten wir dann nicht ein, sondern zwei Meerschweinchenzimmer. Während in dem Zimmer, wo Jojos Schwester wohnte, immer ziemlich viel Aktion ist, war es bei ihm, seinem Bruder Christo und Papa Noel bedeutend „beschaulicher“. Sie teilten alles miteinander, jede Salatschüsseleroberung, jedes Bett, jede Zeit, die sie gemeinsam in und auf ihren heubedeckten Höhlen herumlagen.

Das war auch die letzte Tätigkeit an Jojos letztem Tag. Kurz nach dem Frühstück ist er völlig ohne jede Vorankündigung einfach auf einem seiner Wege durchs Zimmer zur nächstbeliebten Heuhöhle zusammengebrochen und war sofort tot. Wir haben das Grab seiner Schwester noch einmal geöffnet und ihn zu ihr gelegt, weil es irgendwie so sein musste.

Adieu, Jojo.

Mamalena

An Heiligabend 2022 fand sie Zuflucht im Land der Tiere: Mamalena zog zusammen mit ihren Brüdern Jojo und Christo, ihrem Vater Papa Noel und ihren damals noch kleinen Kindern Merry und Christmas ein. Die ganze Familie wurde in den Kleinanzeigen mitsamt winzigem Käfig „zu verschenken“ angeboten. Dass die Meerschweinchen auf diesem Wege ein besseres Zuhause finden würden, wo der Vermehrung und dem Käfigleben ein Ende gesetzt werden würde, war unwahrscheinlich. So kamen sie ins Land der Tiere.

Das Schicksal der „Weihnachtsschweinchen“ ist ein klassischer Fall gescheiterter Meerschweinchenhaltung: Mamalena war gerade ein halbes Jahr alt, vor zwei Wochen erst Mutter geworden, Brüder und Vater unkastriert, dann sollten sie „weg“. Im Land der Tiere zogen die Jungs in einen eigenen Bereich, Mamalena in einen Extra-Bereich zusammen mit den Kindern. Sie wusste Merry und Christmas gut vor den Menschen zu verstecken. Dass aus den schüchternen kleinen Kids mal zwei so selbstbewusste Personen werden, das ist Mamalenas Leistung. Sie war eine äußerst liebevolle, umsichtige Mutter, die immer genau wusste, was gut ist und was nicht und das auch ihren Kindern weitergegeben hat.

Als die Kleinen groß genug waren, zogen Mutter und Kinder zusammen zur großen Meerschweinchengruppe. Sie lebten sich schnell ein, machten seither einige Konstellationen mit und schließlich den Umzug in das noch größere Meerschweinchenzimmer in Haus #2. Mit noch mehr Hängematten, Verstecken, Heu-Liege-und-Ess-Landschaften. Mamalena war immer eine von denen, die das ganze Angebot ausnutzte, jeden Winkel kannte, schließlich ihre Lieblingsorte hatte. Dass sie mal in einem kleinen Käfig leben musste, ein halbes Jahr lang, unvorstellbar. Dass überhaupt Meerschweinchen in Käfigen leben, zum Teil ihr ganzes Leben lang, genauso unvorstellbar.

Mamalena sollte nie wieder einen Käfig von innen sehen. Der Raum gehörte ihr. Die Kinder gingen längst ihre eigenen Wege, Mamalena ihren, das Zusammenleben in der Gruppe verlief größtenteils harmonisch. Als Chefin der dreizehnköpfigen Meerschweinchengruppe diskutierte Mamalena mit Aufmüpfigen oder Neuen nicht lange. Ihr einmaliger Blick verriet, dass sie „den Laden“ im Griff hatte, ihre Körpersprache war unmissverständlich. Sie war so eine Person mit charmantem Selbstbewusstsein, sehr präsent, mutig und äußerst aufgeweckt. Dabei legte Mamalena immer so eine bewundernswerte „Ich mach mein Ding“-Einstellung an den Tag, aber ohne, dass jemand darunter leiden musste.

Dass Mamalena mal nicht mehr in diesem Raum sein würde, daran war noch lange nicht zu denken. Sie hat bis zum letzten Tag nicht gezeigt, dass etwas nicht stimmt, schnitzte zusammen mit den anderen am Kürbis, ganz ihrem Naturell entsprechend, alles mitzunehmen. Knapp drei Jahre nach ihrem Einzug ist sie überraschend und ohne Vorankündigung gestorben.

Adieu, Mamalena.

Ärnie

Vor einem Jahr starb Ärnies Bruder Bärt in der Tierklink. Als wir nun Ärnie dorthin brachten, hatten wir Hoffnung, dass die alternativlose Harnstein-Operation sein Leben retten würde. Er überlebte die OP, die Prognose war in den Tagen darauf „vorsichtig hoffnungsvoll“. Dann kam der Anruf, den wir so gefürchtet hatten. Bärta hat auch ihren zweiten Sohn verloren.

Ärnies Mutter lebte ein sehr entbehrungsreiches Leben in Dreck und Müll bei Menschen, die von ihr nur eins wollten: ihre Milch und ihre Lämmer. Während wir im Oktober 2019 mit diesem Menschen die Rettung ihrer Tiere verhandelten, deren Versorgung ihnen vor langer Zeit schon komplett entglitten war, ersparten sie uns nicht mal die Geschichte der letzten Geburt mit dem schwachen Lamm, das einen Tag zuvor auf dem Grill im Hof landete und „so lecker war“.

Nie wieder sollte es dort so kommen, das war unser Auftrag. Neben vielen anderen Tieren von dort kam auch Ärnies Mutter Bärta mit uns. Dass mit ihr zwei frisch befruchtete Eizellen in ihrem Bauch ins Land der Tiere einzogen, wussten wir nicht. Aber es war dann genau gut so, wie es war. Weil für Bärta der ewige Kreislauf von gebären, Milch „geben“, den gewaltvollen Tod der eigenen Kinder mit ansehen zu müssen, endlich für immer vorbei war. Stattdessen wurde sie im Frühling nach ihrer Rettung Mutter zweier wundervoller Söhne: Ärnie und Bärt. Und Bärta wurde die beste Mutter. Immer ganz entspannt, wenn die Jungs Quatsch machten, unfassbar liebevoll bei ihrer Erziehung, vorausschauend, beschützend und keine Sekunde verging, ohne dass sie sie aus den Augen gelassen hat.

Das blieb so. Auch als die Jungs ihr längst über den Kopf gewachsen waren – körperlich. Aus den kleinen Quatschmachern, die wie Ping-Pong-Bälle durchs Land hüpften, sich für ein Schläfchen auf ihrem menschlichen Pflegepersonal niederließen, ausgiebige Kuschel-Kontests machten, wurden riesige Kerle. Ärnie blieb trotzdem „der Kleine“, Bärt „der große Bruder“. Ärnies Zartheit war mit Sicherheit der Tatsache geschuldet, dass er fast seine ersten Lebenswochen nicht durchgestanden hätte. Unmittelbar nach der Geburt war er gleich furchtbar krank, vielleicht landete versehentlich eine Ladung Fruchtwasser in seine Lunge. Lange kämpften wir um sein Leben. Und Ärnie schaffte es.

Ärnie und Bärt wurden in Sachen Entspanntheit wie Bärta. Die Jungs klebten aneinander, wo einer war, war auch der andere. Machten ihre Showkämpfchen mit zusammenkrachendem Hörnergerassel, Kauten sich gegenseitig an den Bärten herum, schliefen Po an Po – und natürlich blieb ihre Mutter immer die „Überwachungsperson“, die engste Vertraute. Jede Sekunde ihres Lebens.

Irgendwann nach ein paar Jahren haute es Ärnie gesundheitlich so um, dass es eigentlich keine Hoffnung gab. Ärnie war komplett bewegungsunfähig. Über Wochen gang es keine Perspektive, keine Diagnosen, keine Hoffnung. Und irgendwie haben wir es zusammen geschafft. Sein Bruder und er waren sichtbar glücklich, als Ärnie wieder aufstehen und sie endlich wieder zusammen tun konnten, was sie immer taten, Po an Po, Horn an Horn. Unter Mama Bärtas Aufsicht natürlich.

Dass ziemlich genau ein Jahr später ein Blick in Ärnies Gesicht reichte, um ihn sofort in die Tierklinik zu fahren, weil wir schon ohne Kontrolle des Urinabsatzes ahnten, was sein Problem war, konnte ihn dann an nicht retten. Bei den ersten Untersuchungen wurden keine Harnsteine gefunden – man sieht sie nicht in jedem Fall beim Ultraschall oder Röntgen. Ärnie kam wieder nach Hause. Drei Tage später brachten wir ihn wieder in die Klinik. Der Verdacht bestätigte sich dann, Ärnie wurde sofort operiert.

Dreimal konnten wir Ärnies Leben retten. Der vierte Versuch endete ein paar Tage nach der OP. Ärnie wäre im März sechs Jahre alt geworden.

Adieu, Ärnie.