Liebevolle Erinnerungen

An dieser Stelle möchten wir unserer ehemaligen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner gedenken. Danke, dass wir euch ein Stück eures Weges begleiten durften. Wir werden die Erinnerung an euch immer in unseren Herzen tragen.

Puter Georg im Land der Tiere, einem Lebenshof für ehemalige "Nutztiere" in Mecklenburg-Vorpommern, idyllisch gelegen im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe zwischen Hamburg und Berlin

Muli

Nach so viel in einem Leben, was schnell hätte tödlich enden können, denkst du irgendwann: „Das Nächste schaffen wir auch noch“.
Nach 10 Jahren, die gleich damit anfingen, als wenige Tage alter Welpe ohne Mutter ausgesetzt zu werden, knapp dem Tod zu entkommen, weil zufällig gefunden und gerettet. Nach Knochenkrebsdiagnose ohne Heilungschancen viele Jahre zu überleben, mit 9 Jahren noch eine Magendrehung draufzulegen. Wir schafften entgegen aller Wahrscheinlichkeiten die schnelle, lebensrettende Notoperation. Aber gegen den Milztumor, der ihren Körper befallen hatte, hatten wir am Ende keine Chance mehr.

10 Jahre mit Muli, mit anfänglichem überdurchschnittlichen Nervenverbrauch aufgrund ihrer unfassbaren Energie und Entschlossenheit. Als sie und ihre Schwester einzogen, waren sie erst ein paar Monate alt, hatten extrem viel Quatsch im Kopf, waren rein vom Zerstörungslevel irgendwo zwischen außer Kontrolle geratener Kettensäge und Abrissbirne einzuordnen. Einen Teil ihrer Erziehung übernahm zum Glück Kater Klaus, von dem sie sich auch den respektvollen Umgang mit Schafen, Schweinen, Puten und anderen Tieren abschauen konnten. Der Kater war allerdings weit mehr als Erziehungsberechtigter: enger Vertrauter. Ganz normal, dass der Kater immer da war, wo die Hunde waren.

Muli und ihre Schwester Nica waren sich sehr verbunden – und zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Während ihre Schwester immer die ängstliche Hündin blieb, entwickelte sich Muli zur Furchtlosen. Zur Strategin. Aufpasserin, die nicht nur die Außengrenzen des Landes jederzeit zu sichern bereit war. Ihre Motivation war in jungen Jahren so hoch, dass sie ohne Mühe die Innenzäune übersprang – zum Beispiel, um einen unsympathischen Schafscherer „an die Wand zu nageln“. Mit zunehmendem Alter verfeinerte sie ihre Vorgehensweisen so weit, dass sie eindeutig und selbstverständlich unterscheiden konnte zwischen unsympathischen Leuten und zum Beispiel Handwerkern, deren Nützlichkeit ohne Zweifel war. Zum Glück, denn Muli erlebte ja alle große Baustellen mit.

Als ihre Schwester starb, brach Mulis Welt erst einmal zusammen. Der neue Hund an ihrer Seite, Filippi, kam dann leider als Krebspatient und lebte nur ein paar Monate. Als dann zwei neue „kleine Schwestern“, spanische Herdenschützerinnen wie sie, einzogen und genau so viel Quatsch im Kopf mitbrachten, wie Muli ihn als Welpe auch dabeihatte, war ihre Welt wieder in Ordnung: Carla, Oberquatschmacherin voller frischer Power, wurde ihre „Schwester auf allen Ebenen“.

Als dann alles wundervoll war, wurde Muli vor einigen Jahren krank. So krank, dass nichts mehr ging. Sie schaffte es nicht einmal mehr, alleine pinkeln zu gehen. Die vernichtende Diagnose lautete: Knochenkrebs. Und nicht mehr so lange zu warten, Muli einschläfern zu lassen. Irgendwie überlebten wir die furchtbare Zeit – und niemand dachte ans Aufgeben. Stattdessen taten wir alles, was Sinn ergab, fanden die passenden Schmerzmedikamente. Und Muli lebte fortan damit. Jahrelang gut und fröhlich. Quatsch machen, mit Carla spielen und auch die Bewachung der Außengrenzen: problemlos möglich, trotz massiver Knochenprobleme.

Zugute kam bei allen Problemen die Tatsache, dass Muli im Lauf der Zeit zu einer absolut tiefenentspannten Person wurde. Alle Behandlungen entspannt über sich ergehen ließ. Davon gab es reichlich, denn einige andere chronische Probleme hatten es längst Normalität werden lassen, dass Menschen ihr auch an eher ungünstigen Stellen herumdokterten. Vor einigen Monaten schaffte es sie dann noch, in lebensbedrohlichem Zustand entspannt in der Tierklinik aufzuschlagen, steckte die Notoperation ihrer Magendrehung locker weg. Überlebte, was so mancher junger, kerngesunder Hund nicht überlebt. Damit beförderte sie sich nochmal ein Stück weiter in den Zustand gefühlter Unsterblichkeit.

Und stand kurz darauf vor der nächsten Trauer: der Trauer um ihre „kleine Schwester“ Carla, die gerade erst fünf Jahre alt vor einigen Monaten plötzlich und ohne jede Vorankündigung starb. Was das mit Muli gemacht hat – wir haben eine Ahnung. Trotzdem probierte sie „Alltag“. So weit, dass sie sogar Lola zum Spielen aufforderte. Obwohl sie da längst schwere gesundheitliche Probleme gehabt haben muss, von denen sie uns nichts verraten hatte – zusätzlich zu den alten Problemen. Nach einiger Diagnostik wussten wir, was es war: eine extrem vergrößerte Milz, der Tumor musste schon länger gewütet haben. Von der Diagnose bis zu Mulis Tod vergingen nur ein paar Tage.

10 Jahre mit vielen Sorgen, noch viel mehr Liebe, einer mit zunehmendem Alter immer wundervoller werdenden Hündin, die vor Souveränität und Umsicht nur so strotzte, liegen hinter uns – aber bleiben für immer.

Adieu, Muli.

Hanna

Als Hanna vor über fünf Jahren im Land der Tiere angekommen aus unserem Transporter stieg, war es ein ganz besonderer Moment. Wir hatten sie zu Tausenden gesehen, die Zuchtsauen in den „Ferkelproduktionbetrieben“, die fixiert in Metall-Kastenständen und „Abferkelkörben“ ihr Leben verbringen mussten, zwangsbesamt wurden, Unmengen Ferkel gebaren, gebaren bis zum Tod und niemals wirklich Mutter sein konnten. Deren Kinder nie mehr als Produkte waren, schon als winzige Babys von den Müttern getrennt, um als Mastschweine ein furchtbares Leben führen mussten. Keines von Hannas Kindern konnte dem entfliehen, viele starben schon vor dem Weg zum Schlachthof, weil sie zu klein, zu schwach und krank waren – und kein Mensch sich um sie kümmerte.

Wir wussten nicht, wie Hanna reagieren würde, als wir ihre letzten drei winzigen, kranken Ferkel ihres Lebens zu ihr setzten, die wir mit ihr zusammen retten konnten. Sie hatte über 100 Ferkel geboren in ihrem Leben als „Zuchtsau 624“. Aber niemals direkten, freien Kontakt haben können zu ihren Kindern. Der „Abferkelkorb“ verhinderte immer alle Interaktion. Würde Hanna alles meistern können und richtig machen? Wir bewachten Hanna und ihre Babys die ersten Tage rund um die Uhr. Obwohl sie uns direkt zeigte, dass sie es kann: liebevolle, vorsichtige, umsichtige Mutter sein, die ihre Babys ruft, sanft anrüsselt, behütet, wärmt, stillt – und sich einfach wundervoll kümmert. Dass sie das all die Jahre davor nicht durfte, für uns nur ein furchtbarer Gedanke, für Hanna war es jahrelang schreckliche Realität. Die nun aber endlich ein Ende hatte.

Nach 100 Ferkeln, die sie nie richtig anrüsseln und kennenlernen konnte, weil sie immer eingesperrt war und sie ihr nach spätestens vier Wochen weggenommen wurden, konnte sie endlich ihre letzten drei Babys großwerden sehen, mit ihnen die Welt erkunden. Musste keine Angst mehr haben, dass aus ihnen Mastschweine werden, die schon bei ihrer Geburt zum Tod verurteilt waren. So wie Hanna als „Zuchtsau 624“ selbst, sobald ihre „Ferkelleistung“ nachlassen würde. Ihre letzten Würfe waren „nicht mehr gut genug“, der Zeitpunkt des „Aussortierens“ für Hanna war da. Doch „Zuchtsau 624“ wurde nicht zum Schlachthof geschickt, wie es „normalerweise“ geschieht, wenn die Tiere keinen Profit mehr bringen. Hanna wurde nicht auf einen Schlachttransporter verladen, sondern hatte das unfassbare Glück, in unseren Tiertransporter steigen zu können, um zu leben.

Nach allen Entbehrungen, einem Leben auf Beton und eingesperrt in Metallgestängen, war Hanna alles andere als resigniert. Mit ihrem unmuskulösen, angeschlagenen Körper ging sie einfach los, das erste Mal in Freiheit, und tat, was ein Schwein eben tun muss. Ihre ersten mutigen Freudenhüpfer auf der Wiese machen. Herumrennen mit ihren Ferkeln. Grasen. Umgraben. In der Sonne liegen. Bei ersten Badevergnügen flippte die ganze Familie kollektiv aus.

Wasser wurde – neben dem Allerwichtigsten, nämlich der Erziehung ihrer Kids – zur täglichen Notwendigkeit für Hanna. Oft stand sie einfach in einem der Badetümpel, kopfüber abgetaucht auf der Suche nach Schätzen. Kam dann ganz stolz mit einem sorgfältig ausgewählten Stein im Mund wieder an die Oberfläche. Oder sie lag wie im Wellnessbad einfach im Wasser herum, gut für ihre alten Knochen, Rüssel gerade oben raus, ein bisschen wie ein U-Boot.

Hanna lieferte uns jeden Tag neue Beweise für unsere Vermutung, dass Schweine, die wie sie immer eingesperrt waren, im Kopf trotzdem ganz Schwein sind. Wie wichtig ihnen ihre persönliche Freiheit ist. Wie wichtig ihre Familie. Freundschaften. Wie inakzeptabel, sie zu „Nutztieren“ zu degradieren.

Wir sind Hanna dankbar für die fünf Jahre, die wir mit ihr haben konnten, dabei sein konnten bei ihrem Familienleben. Ihren Teichblubbs. Ihrer Fürsorge um ihre Kinder, die längst erwachsen trotzdem immer an Mamas Seite blieben. Mit ihr das Bett teilten. Auch an den Tagen, wo es ihr nicht gut ging – Hannas Herzprobleme wurden mit der Zeit schlimmer, ihre alten Knochen machten mal mehr, mal weniger Probleme – kümmerte sich Hanna selbstverständlich um ihre Kids.

Vor ein paar Tagen fing es an, erst konnten wir noch hoffen, dass auf schlechte Tage, wo Hanna weder essen noch aufstehen wollte, wieder gute Tage folgen. Zwischendurch schaffte sie noch einen Weg raus, aß Kekse, schaute bei ihren Kids. Es war Hannas letzter Ausflug, ihre Kraft hatte so nachgelassen, ihr Körper so abgebaut, es gab keine Hoffnung mehr. Der letzte Dienst, den wir leisten konnten war, sie einschläfern zu lassen, an dem Ort, wo sie über fünf Jahre glücklich sein konnte.

Hanna wurde 9 Jahre und vier Monate alt – und wird immer hier sein.

Adieu, Hanna.

Christmas

Christmas kam als Winzling zu uns: als eines der Babys der „Weihnachtsschweinchen“-Familie, die Heiligabend 2022 Zuflucht im Land der Tiere fand. War grade mal zwei Wochen alt, kam zusammen mit fünf anderen Meerschweinchen, mit Mama, Schwesterchen, Vater und großen Brüdern. Ihr „Zuhause“ war bis dahin ein winziger Außenstall, in dem Meerschweinchen sich „versehentlich“ vermehrten, verschenkt wurden, vermehrten. Dass sich ihr Leben zum Guten wenden würde, wenn sie als Last-Minute-Weihnachtsgeschenk via Kleinanzeigen mitsamt ihrem Stall die Besitzer wechseln, war ziemlich ausgeschlossen – und darum zogen sie ins Land der Tiere ein. Ein Platz zum Leben als spontanes Weihnachtsgeschenk von uns an eine bis dahin unbekannte Meerschweinchenfamilie.

Christmas konnte in Frieden zusammen mit seiner Schwester Merry und natürlich der Mama aufwachsen. Und zeigte sich von Anfang an als ganz entspanntes, neugieriges und immer freundliches Meerschweinchen. Fühlte sich in der großen Meerschweinchengruppe „sauwohl“ und blieb selbst freundlich, wenn Neuzugänge bei ihrem Einzug den großen Macker raushängen ließen. Es überraschte auch nicht, dass ausgerechnet Christmas derjenige war, der als erster die Nachbarmeerschweinchen besuchen ging und überall lieb Hallo sagen ging, als wir kürzlich aus zwei großen Gruppen eine ganz große machten und die Türen öffneten, die beide Gruppen bislang trennten.

Gesundheitlich war die ganze Weihnachtsschweinchen- Familie nicht so gut weggekommen. Alle hatten oder haben irgendwelche Probleme. Seine großen Brüder und seine Mutter hatten leider dadurch keine Chance auf ein richtig langes Meerschweinchenleben – aber in jedem Fall hatten sie ein gutes. So wie auch Christmas, der sogar vor einiger Zeit tatsächlich noch seinen Vater wieder treffen konnte, der schon lange nicht mehr im besten körperlichen Zustand ist. Aber immer so „verstänkert“ war, dass eine Integration in die große Gruppe und ein Zusammenleben mit den anderen nicht möglich war. Das änderte sich zum Glück. Dass sein Vater ihn am Ende überleben wird, daran dachten wir nie.

Christmas starb abends in Annes Armen, als sie ihm die letzten Medikamente für die Nacht verabreichen wollte.

Adieu, Christmas.

Christmas lebt zusammen mit seiner Schwester Merry in der großen Meerschweinchengruppe und genießt dort seine Freiheiten. Seine Mutter Mamalena ist Anfang 2026 gestorben.

Schildkraut

Über Schildkrauts Vergangenheit war nichts bekannt, als sie im August 2021 ins Land der Tiere einzog. Nur dass sie „vermutlich“ ausgesetzt wurde, denn irgendwann war sie einfach da, im „ein- und ausbruchsicheren“ Gehege einer Frau, wo sie unmöglich auf eigenen Füßen hereingekommen sein konnte. Schildkrauts Alter ließ sich nicht genauer bestimmen als irgendwo zwischen 10 und 20 Jahren, vermutlich eher 10 und das, was wir eher „Dampfaufzucht“ nennen: ein viel zu groß und zu schnell gewachsener, breiter, flacher Panzer mit einer eher zu kleinen Schildkröte darin, oft eine Folge von Fehlernährung mit viel zu hohem Proteingehalt. Tatsächlich enthalten Fertigfuttersorten, wie man sie im Handel beim Kauf eines Schildkrötenbabys mitbekommt, einen extrem hohen Anteil Proteine, meist sogar unsinnigerweise tierischen Ursprungs. Was das mit einer Schildkröte macht, die in ihrem natürlichen Lebensraum nur wenige trockene Wildkräuter zur Verfügung hat und reine Pflanzenesserin ist, müsste sich auch ein schildkrötenunerfahrener Mensch eigentlich vorstellen können. Wenn solche Tiere dann auch noch in Terrarien mit schlechter Mineralstoffversorgung ohne UV-Licht leben, ist das Problem da – und nie wiedergutzumachen.

Wahrscheinlich wurde genau das Schildkraut zum tödlichen Verhängnis. Schildkröten sind an sich ziemlich geschickte und furchtlose kleine Leute, die gerne klettern. Und manchmal ist der Übermut so groß, dass sie versehentlich auf den Rücken fallen. Für eine gesunde Schildkröte ist das in aller Regel kein Problem, da wird gerudert und sich irgendwo mit den Füßen abgestützt, bis die Drehung in die richtige Position auf den Bauch gelingt. Schildkröten, deren Panzer aussehen wie der Schildkrauts, haben damit allerdings zum Teil massive Probleme. Und die lebensrettende Drehung gelingt nicht. Ist nicht zufällig grade Hilfe zur richtigen Zeit am richtigen Ort, tritt sehr schnell ein lebensbedrohlicher Zustand ein, weil Herz und Lunge durch andere Organe gequetscht werden.

Schildkraut muss abends nach dem sehr heißen Tag noch einmal losgelaufen sein in ihren Garten. An der Stelle, wo wir sie frühmorgens fanden, hätte sie eigentlich alle Möglichkeit gehabt, sich wieder auf die Füße zu drehen – aber es offenbar nicht geschafft. Wir hätten uns für sie so sehr noch ganz viel gute Lebenszeit gewünscht.

Adieu, Schildkraut.

Nia

Nia war eins dieser „kernigen“ Kaninchen. So eine, die genau weiß, was sie will, eine, die extrem ihre Freiheit genoss, eine, die in der Gruppe „das Sagen hatte“. Obwohl sie mit ihrer Tochter neu in eine bestehende Riesenfamiliengruppe kam: Von Anfang an hinterfragte niemand, ob Nia befugt ist, in die Chefinnenrolle zu schlüpfen. Alle waren wahrscheinlich einfach der Meinung: Das ist gut so. Nia kann es. Konnte sie!

Das Ticket für ihre Reise ins Land der Tiere hatten die bei ihrer Ankunft dreijährige Nia und ihre Tochter Yanny Walter zu verdanken. Walter, der nach dem Tod seiner Freundin im Juni 2024 alleine war und furchtbar trauerte. Ihn mit anderen Kaninchen im Land zu vergesellschaften hatte sich als unmöglich herausgestellt. Zum Glück für Nia und Yanny, die von einer Tierfreundin vorm Geschlachtet-Werden gerettet werden konnten und auf der Suche nach einem Lebensplatz waren.

Als der alte Walter starb, haben Nia und ihre Tochter Anschluss bei der Großfamilie um Leo, Ole und deren Geschwister gefunden. Nia und Yanny gehörten schnell zur Familie – und waren begeistert, auch in ihrem neuen, jetzt noch viel größeren Garten mit jeder Menge Wildnisgrün direkt vor der Haustüre sozusagen ins Essen zu fallen. Begeistert vom Großfamilienleben. Nia schaffte es, sich mit allen anzufreunden. Wurde zur Meisterin des Kuschelhaufen-Bauens. Sie zu fünft oder sechst in einem Strohbett liegend anzutreffen, war keine Seltenheit.

Irgendwann bekamen die Kuschelhaufen noch andere Nutzen. Nia litt schon länger an Fuß- und Rückenproblemen, ihrer Größe, dem Gewicht und dem Körperbau geschuldet. Gelenkentlastung bringen da nicht nur Schmerzmittel, sondern das beste Mittel überhaupt: Freunde und Freundinnen, sie sich genauso hinlegen, dass die Patientin obendrauf die beste Entlastungsposition für die Knochen findet. Sehr lange ging es gut. Aber Nias Zustand verschlechterte sich zusehends. Irgendwann fing es an, dass der Rücken nicht mehr mitmachte und Nia Schwierigkeit hatte, nach dem Aufstehen in die richtige Position zu kommen. Es war absehbar, dass der Tag kommen würde, wo Nia es nicht mehr schaffen würde, zu laufen.

Nia starb im Alter von sechs Jahren. In ihrem Garten, bei ihrer „Adoptiv-Familie“, wo sie so glücklich war, bis ihr Körper ihr die Dienste versagte.

Mops

Morgens war noch alles gut. Und Mops kam wie immer sofort aus ihrem „Bett“ angewuselt, graden Weges Richtung Wärmelampe und Frühstück. Ihre Tage davor waren anstrengend, bis endlich das richtige Örtchen im Garten gefunden war, um Eier zu legen. Schildkröten geben sich richtig viel Mühe damit, den besten Platz für die Eiablage zu finden, denn schließlich müssen Sonneneinstrahlung und Mikroklima genau stimmen, damit aus den Eiern Schildkrötenbabys schlüpfen können. Mops legte für ihren kleinen, verbauten Körper sehr viele Eier. Gut, dass das geschafft war. Nichts deutete darauf hin, dass die kleine Gute-Laune-Mops an einem lebensbedrohlichen Problem litt. Nach dem Frühstück ging sie raus, alles schien ganz normal, sie spazierte durch die Landschaft, wie sie es bis zur Mittagssiesta an einem hübschen Örtchen immer tat. An genauso einem Örtchen fanden wir sie bei der Abendkontrolle. Mops war einfach ohne Ankündigung gestorben.

Aufgrund der fehlenden Erklärung für ihren plötzlichen Tod im Alter von nur 27 Jahren ließen wir die Todesursache in der Pathologie klären. Vielleicht gab es einen Zusammenhang mit ihrer traurigen Vergangenheit. Mops wurde als Baby einfach  aus dem Heimatland entführt: Die Maurische Landschildkröte namens Mops wurde im Jahr 2000 von einem jungen Mann aus dem Marokko-Urlaub mitgebracht. Zu Tausenden werden auf nordafrikanischen Märkten der Natur entnommene Schildkröten für ein paar Euro an Touristen verkauft, die die Tiere dann nach Deutschland schmuggeln. Natürlich ist das alles höchst illegal. Perfekt ist die Katastrophe dann, wenn das lebende Urlaubssouvenir sich als Fehlanschaffung entpuppt. Viele dieser Schildkröten überleben wegen „Haltungsfehlern“ nicht einmal das erste Jahr.

Die kleine Schildkröte war kaum in Deutschland, als dem Menschen, der sie mitbrachte, auffiel, dass er überhaupt keine Verwendung für sie hat. Zum Glück gab es einen Kumpel eines Bekannten, der sich bereiterklärte, die Schildkröte zu übernehmen. Und sich dann die darauffolgenden 23 Jahre sehr um sie kümmerte, aber leider „schildkrötenunerfahren“ war. Die Folge davon sind bleibende Schäden an Skelett und Organen, Rachitis, Laufprobleme, eine krumme Wirbelsäule, weicher Panzer. Er wusste, dass es überhaupt nicht gut war, dass Mops immer mehr Zeit im Terrarium verbringen musste und er ihr einfach nicht gerecht wurde und brachte die Schildkröte dann im September 2023 ins Land der Tiere. Was wir konnten, war ihr endlich ein möglichst artgerechtes Leben zu ermöglichen. Was wir nicht konnten: Schäden „reparieren“.

Am Ende starb Mops an Herzversagen nach einer Legedarmentzündung, litt gleichzeitig unter einem Harnwegsinfekt, vielleicht beides bedingt durch die Tumorzellen in ihren Oberschenkelknochen. Wir wünschten uns, ihr Leben wäre anders verlaufen: als kleine, freie Schildkröte irgendwo in Afrika. Vielleicht hätte sie da die Chance gehabt, gesund 100 Jahre alt zu werden.

Adieu, Mops.

Brigitte

Brigittes Mutter Paulchen wurde 17 Jahre alt. Brigitte selbst hat noch ein Jahr mehr Lebenszeit draufgelegt: 18 Jahre. 18 Jahre, möglich durch die Tatsache, dass sie irgendwann nicht mehr als „Nutztier“ betrachtet wurde.

Als wir sie Anfang 2020 in ihrem alten Zuhause besuchten, um zu entscheiden, ob wir den beiden Seniorinnen einen Lebensplatz anbieten können, sahen wir nur von der Ferne zwei Schafe, zwei Schafe voller Angst und Misstrauen, die sich vor einer näheren „Besichtigung“ in Sicherheit brachten. Kluge Schafe, schließlich konnten sie nicht ahnen, was passieren würde. Aber ihre Besitzerin meinte es gut mit ihnen. Früher hielt sie Schafe als „Nutztiere“, die nie die Chance hatten, alt zu werden. Irgendwann änderte sich das – und das Schlachten hatte ein Ende.

Als ihre Besitzerin selbst alt wurde und sich nicht mehr um die beiden Schafe kümmern konnte und das Haus – und die Schafe – aufgeben wollte, bemühte sie sich darum, für Paulchen und Brigitte einen Platz zu finden, wo sie einfach in Frieden bis ans Ende ihrer Tage leben können.

Beim Einzug ins Land der Tiere waren Brigitte und Paulchen bereits 12 und 13 Jahre alt – und voller Angst. Sobald sie Menschen nur aus der Ferne sahen, liefen sie weg. Wir hätten nicht daran geglaubt, dass sich das jemals ändern würde. Vor allem die große Brigitte war extrem misstrauisch Menschen gegenüber. Das blieb sie auch, als Paulchen längst entschieden hatte, ihre Angst abzulegen. Paulchen ließ sich anfassen. Irgendwann war es für sie selbstverständlich, angelaufen zu kommen, sei es für Kekse oder eine Streicheleinheit zwischendurch. Brigitte blieb erstmal „standhaft misstrauisch“.

Umso schöner, als sie irgendwann dastand, mit ihrem „Brigitte-Blick“, ganz ruhig, Keine Angst hatte, sich einen Keks abzuholen. Stehenblieb, den Kopf leicht senkte – und sich das weiche Gesicht streicheln ließ. Die weglaufende Brigitte war Vergangenheit und sie hatte volles Vertrauen gefunden. Strahlte in allem, was sie tat, eine ganz spezielle Ruhe aus.

Mit ihrer ganz speziellen Ruhe kümmerte sich Brigitte dann im Lauf ihrer Jahre um „Neuankömmlinge“: Schafe, die wie sie selbst erstmal Angst hatten, als sie einzogen. Ausgerechnet Brigitte nahm sich ihrer an, zog mit ihnen die ersten Runden um den Stall, zeigte ihnen das Land. Nahm Angst weg.

Nach dem Tod ihrer Mutter, die im hohen Alter von 17 Jahren starb, bleib Brigitte „ihr eigenes Universum“, war aber zum Glück längst „fest verwoben“ mit den anderen Schafen. Und tatsächlich merkte man ihr das hohe Alter nicht an. Mit ihrem „Babyplüschgesicht“ und eben ihrem Brigitte-Blick stand sie da, eine der fittesten Seniorinnen. Aber irgendwann kam die Zeit, wo auch sie Probleme bekam. Probleme, die ein uralter Körper eben irgendwann bekommt. Sie trug es mit Würde und zum Glück hinderte ihr Körper sie nicht daran, ihr selbstbestimmtes Leben weiter zu führen. Bis zu ihren letzten Tagen zog sie mit den anderen Schafen durchs Land, genoss Kekse und Streicheleinheiten und nahm mit, was mitzunehmen war.

Wir hätten uns für sie gewünscht, selbstbestimmt zu sterben. Als sie dann festlag und ihr Körper innerhalb kurzer Zeit vor ihrem hohen Lebensalter kapitulierte, sie und wir uns der Tatsache stellen mussten, dass sie nicht mehr aufstehen können würde, mussten wir die schwerste aller Entscheidungen treffen, ein letztes Mal ihre Tierärztin rufen für einen würdevollen Abschied aus dem Leben.

Adieu, Brigitte.

Dolly

Dolly hat nach ihrer Rettung unfassbare fünf Jahre gehabt.

Üblicherweise werden Hühner mit ihrer Geschichte nach anderthalb Jahren Ausbeutung in der Landwirtschaft zum Schlachthof transportiert. Anderthalb Jahre, in denen sie nie wirklich „leben“ konnten. Nie Huhn sein, nie draußen, nie in Ruhe sandbaden, scharren, oder neugierig durch die Gegend flitzen.

Das sollte für Dolly möglich werden. Doch erst musste sie sich erholen: Als sie im Mai 2021 zusammen mit fünf Freundinnen aus einem Elterntierbetrieb nach anderthalb Jahren Nutzung gerettet wurde, war sie in katastrophalem Zustand, psychisch wie physisch. Kaum Selbstbewusstsein, kaum Federn, dafür sehr krank.

Nach intensiver Behandlung in der Quarantäne konnten Dolly und ihre Freundinnen zum ersten Mal raus. Sie waren vorsichtig, aber neugierig. Und gierig – aufs Leben, darauf, endlich eigene Entscheidungen treffen zu können. Es war ein schöner Sommertag, als sie zum ersten Mal die Sonne und das Gras spüren konnten. Spätestens da haben die Freundinnen gemerkt, dass alles anders wird. Sie waren angekommen. Dolly hat mit den anderen ihre neue Umgebung erkundet, ihre Flügel ausgebreitet, zum ersten Mal Gras gepickt. Und die nächsten fünf Jahre nicht mehr damit aufgehört.

Nach und nach musste Dolly sich von den Freundinnen, mit denen sie zusammen gerettet wurde, verabschieden: Helene, Maria, Spooky, Grisela und Amanda sind lange vor ihr gestorben. Alleine war Dolly in der großen Hühner-Puten-Perlhühner-Enten-WG aber nie, sie war immer gut darin, neue Freundschaften zu knüpfen und Gesellschaft zu haben, wenn sie sie wollte.

Für eine ganze Weile hatte Dolly die Rolle als Chefin der Gruppe inne, sanft aber bestimmt hat sie sich durchgesetzt, ganz ihrer charmanten Persönlichkeit entsprechend. Letztes Jahr hat sie die Position dann aus Altersgründen abgegeben und andere „machen lassen“.

Wer in den letzten Jahren an einer Führung durchs Hühnergehege teilgenommen hat, ist Dolly vermutlich begegnet. Denn wenn Besuch ins Gehege kam, war erst mal zweitrangig, ob Äpfel oder andere Leckereien mitgeführt wurden: Dolly kam angerast. Ließ links liegen, wo sie grad war, weil verpassen wollte sie nichts.

Sie hat die ersten anderthalb Jahre ihres Lebens verpasst, weil Menschen sie für das Legen befruchteter Eier, aus denen Legehennen schlüpfen sollten, ausgebeutet haben. Nach ihrer Rettung wollte Dolly nie wieder was verpassen, sondern alles mitnehmen, was irgendwie ging. Jeder Tag wurde genutzt.

Als es ihr dann vor kurzem plötzlich sehr schlecht ging, wir mit ihr beim Tierarzt waren, haben wir mit dem Schlimmsten gerechnet. Aber die Behandlung schien anzuschlagen, Dolly hat sich nochmal aufgerappelt und alles mitgenommen, wenn auch nicht mit ihrer vorherigen Power. Dolly wollte nicht aufgeben.

Selbst an ihrem letzten Tag.

Sie war draußen unterwegs, machte ihre Runden, alles schien wie immer. Und doch war abends alles anders. Wir fanden Dolly in ihrem Zimmer, sie starb in ihrem Zuhause. Ihr Körper, die Zucht auf eine hohe Legeleistung, ein menschengemachtes Leid, das sie letztendlich eingeholt hat.

Adieu, Dolly.

Carla

Es fühlt sich völlig irreal an. Carla, unsere Oberquatschmacherin mit ihrer 50-Kilo-Oberenergie, ist tot.

Sie war so unvorbereitet wie alle um sie herum und hatte überhaupt keine Zeit, ihren eigenen Tod zu bemerken. Sie schlief ganz tiefenentspannt und bequem auf ihrer Couch. So fanden wir sie dann auch. In der Nacht muss ihr Herz versagt haben, ohne jede Vorankündigung.

Als wir vor 5 Jahren den Platz an Hündin Mulis Seite, die nach dem Tod ihrer Schwester so trauerte, neu belegen wollten, suchten wir eigentlich nicht Carla aus. Sondern ihre Schwester Lola, die aufgrund ihrer Knochenproblematik und Rasse kaum eine reelle Chance hatte, irgendwo einen Platz zu finden. Die „Prophezeiung“ war, Lola würde wahrscheinlich nicht erwachsen werden können mit diesen Knochen. Bzw. denen, die nicht so richtig vorhanden waren. Doch Lola war nicht alleine. Sie war zusammen mit ihrer Schwester in einer Einkaufstasche ausgesetzt worden. Die beiden waren da grade ein paar Tage alt. Hatten nichts außer sich und der Tierschützerin, die sie per Hand aufzog. Für uns war sofort klar: wir würden uns nicht für die Aufnahme von Lola entscheiden können. Wenn dann kam nur in Frage, beide zu nehmen. Ab dem Tag war irgendwie in unseren Köpfen, dass Carla diejenige sein würde, die ihre Schwester und auch die alte Muli überleben würde.

Carla kam mit unglaublicher Energie. Bisweilen waren sie und ihre Schwester wie außer Kontrolle geratene Kettensägen. Initiatorin allen Kettensägenquatsches: immer Carla. Während Lola wahrscheinlich oft genug genervt war von ihrer übersprudelnden Schwester, die ihr täglich die Backen langzog bei den wilden Spielen der beiden, war Muli extrem begeistert von ihrer „neuen kleinen blonden Schwester“. Carla liebte Muli. Das beruhte absolut auf Gegenseitigkeit. Kein Tag, an dem die beiden nicht miteinander spielten. Zusammen die „Außengrenzen sicherten“, egal ob gegen landwirtschaftliche Maschinen oder Füchse. Lola spielte da eher eine Nebenrolle. Außer sie und Carla standen auf dem Wall am Zaun – und heulten um die Wette wie Wölfe. Nicht nur jeden Samstag um 12 beim Dorfsirenentest.

Irgendwann war klar: die schlimmen Prophezeiungen um Lola waren ebenso unwahr wie Mulis vorhergesagter baldiger Tod nach ihrer Knochenkrebsdiagnose von einigen Jahren. Und alles war gut. Carlas Leben perfekt und glücklich. Und das von Lola und Muli auch. Auch wenn sich die beiden wahrscheinlich oft genug gefragt haben, woher Carla diese unfassbare Energie nimmt. Und warum diese Hündin irgendwie immer verschmitzt lächelt und irgendwelchen Quatsch im Kopf hat.

Wir hätten mit allem gerechnet. Aber niemals damit, Carla, die nie krank war, grade fünf Jahre alt, eines morgens tot auf der Couch zu finden – mit ihrem Lächeln.

Adieu, Carla.

Fiffi

Beim Thema „Qualzucht“ denken die meisten Menschen zuerst an Tiere wie Möpse oder Bulldoggen, die mit ihren runden Schädeln, Glubschaugen und kurzen Nasen unter Atemnot und anderen extremen zuchtbedingten Erkrankungen leiden. Kaum jemand denkt an Kaninchen. Nicht an die überzüchteten Zwerge und Widder, die unter vielen Problemen leiden, erst Recht nicht an die Riesen, die alleine zu dem Zweck gezüchtet wurden, möglichst viel Fleisch „zu produzieren“. Kaninchen wie Fiffi, die sechs Kilo oder mehr wiegen, deren Körperbau viel zu lang, viel zu schwer ist. Wen interessiert es auch, dass die Tiere fast alle irgendwann unter Arthrosen und Rückenproblemen leiden – denn in der Regel werden solche Kaninchen nach ein paar Wochen oder Monaten sowieso geschlachtet.

Fiffi wurde vor fünf Jahren in einer dieser „typischen“ gammeligen Kaninchenmastbuchten geboren. „Als Nahrungsmittel“. Dass weder sie noch ihre Brüder noch ihre Mutter oder sonst jemand von der Familie geschlachtet wurden, hatte die Kaninchenfamilie dem Umstand zu verdanken, dass ihr alter „Besitzer“ ins Krankenhaus kam. Erst einmal kümmerte sich die Hausverwaltung um die Versorgung der Tiere vor Ort. Die war es auch, die uns kontaktierte als klar war, dass der Kaninchenzüchter nicht mehr nach Hause kommen würde. Fiffi, ihre Brüder, großen Geschwister, Mama, Papa, Oma: alle zogen ins Land der Tiere ein. Fiffi war noch ein Baby.

Aus Fiffi wurde eine Riesin – eine, die in der Kaninchenfamilie mit dafür verantwortlich war, den Ton anzugeben. Eine, die in jeden Tag mit ganz viel Energie startete, ihre Freiheit draußen genoss und tat, was ein Kaninchen tun muss: Rennen, Buddeln, Verstecken, Grasen, Hoppeln, Aussicht genießen, Quatsch machen mit den Brüdern, genauso chillen, kuscheln, ganz eng mit den anderen sein. Auch zu ihrer Mutter behielt sie immer ein sehr enges, liebevolles Verhältnis. Bis zu deren Tod. Bei Fiffis Mama Helga fing es irgendwann an, nachdem es schon bei ihrem Vater so kam, wie es oft bei älteren Riesenkaninchen passiert: irgendwann macht der Rücken nicht mehr mit. Eine Zeit lang kommen solche Kaninchen mit Schmerztherapie noch klar, können ihr Leben genießen. Irgendwann kommt leider der Tag, wo nichts mehr geht, die Hinterbeine ihren Dienst versagen.

So wie jetzt auch bei Fiffi. Am Ende konnten wir nichts mehr für sie tun, als sie einschläfern zu lassen. Mit fünf Jahren hatte sie für eine Riesin ein „langes Leben“ – und ein wundervolles, freies Leben.

Adieu, Fiffi.

Saba

Knappe anderthalb Jahre blieben Saba nach ihrer spektakulären Flucht vor dem Schlachter. Sie war die Älteste der kleinen Schaffamilie, die Wochen auf der Flucht war – und am Ende wären doch beinahe alle geschlachtet worden. Stattdessen gab es dank einer engagierten Amtsveterinärin und der Tatsache, dass wir anboten, die entkommenen Schafe aufzunehmen, die glückliche Rettung für die Familie. Die dann passenderweise den Familiennamen „Die Entkommenden“ bekamen.

Ob Saba Oma und Ur- oder Ur-Uroma des jüngsten Familienmitgliedes war, haben die Schafe uns nicht verraten. Dass Saba uralt war, das war sehr offensichtlich. Was sie alles schon mitbrachte an Problemen zeigte sich nach und nach ab dem Zeitpunkt, wo sie hier Ruhe fand, sich sicher fühlte, nicht mehr im stressigen Fluchtmodus, sondern Zuhause angekommen war. Dass die uralte Saba dann sogar mit den anderen Entkommenen um die Wette Luftsprünge machte, mit den Lämmern herumrannte und alle zusammen eine Riesenfreude hatten, täuschte erst einmal über ihren gesundheitlichen Zustand hinweg.

Irgendwann wurde sie ruhiger. Wurde „manchmal sonderlich“, lief oft ohne die anderen Schafe an geheimen, entlegenen Orten herum, wo sie auf der Suche nach den leckersten Pflanzen im Land war. „Lecker“ war da so eine relative Sache. Bei Saba zum Beispiel ganz hoch im Kurs: in der Sommerhitze verdorrte Brennnesselblätter. Dafür kraxelte sie auch den höchsten Hügel hoch und runter.

Saba baute ab. Stetig. Verlor Gewicht und Muskulatur. Alle medizinische Diagnostik brachte uns nicht wirklich weiter. Eine echte Ursache als Erklärung für alles ließ sich nicht finden. Weil Saba wahrscheinlich nicht ein Problem hatte, sondern mehrere gleichzeitig. Viel mehr, als ihr unseren „Spezial-Betreuungsservice“ zukommen zu lassen, konnten wir nicht für sie tun. Den Winter verbrachte Saba mit den anderen alten und irgendwie eingeschränkten Schafen fast ausschließlich im Stall. Und wurde trotz bestem Essensservice immer noch zarter. Trotzdem lag sie zufrieden herum, unterm Rotlicht, eingepackt in ihr warmes Mäntelchen. Während ihr Körper mehr und mehr abbaute.

Tatsächlich lockten sie die ersten Frühlingssonnenstrahlen wieder nach draußen. Und sie machte ein paar letzte kleine Spaziergänge, aß hier und da ein winziges, frisches Blättchen. Wenn sie dann in der Sonne lag und einfach in die Welt schaute, fiel es ihr in den letzten Tagen immer schwerer, aufzustehen, trotz ihres Fliegengewichtes. Ihre Muskeln, ihre Knochen, alles war so wenig geworden, so fragil. Wir hatten schon häufig überlegt, ob der Zeitpunkt gekommen ist, wo wir wirklich nichts mehr für Saba tun können, als sie einschläfern zu lassen. Aber der Zeitpunkt war noch nicht da. Am Ende suchten nicht wir ihn aus. Der Tag kam jetzt. Mit einem Oberschenkelbruch, der Sabas langes Leben beendete.

Adieu, Saba.